The Mirror Has Two Faces

Wer wünscht sich nicht die perfekte Ehe? Wer bekommt sie am Ende wirklich? Barbra Streisand versucht sich mit Jeff Bridges in einer arrangierten Ehe, die trotz vorsichtiger Planung nicht den entsprechenden Kurs nahm. Der Spiegel hat eben zwei Gesichter, und wir bekommen sie beide zu sehen.



Greg Larkin (Jeff Bridges), ein Mathmatikprofessor an der Columbia University, hat mit dem anderen Geschlecht nie ein leichtes Spiel gehabt. Wohl triumphiert er im sexuellen Bereich und hat verschiedene Affären mit ziemlich schönen Frauen. Was einigen Männern schon genügt, ruft bei Greg Frustration hervor. Er wünscht sich eine echte Beziehung mit einer Frau, zu der er sich physisch nicht im geringsten hingezogen fühlt. Per Zeitungsannonce trifft er schliesslich auf die Literaturprofessorin Rose Morgan (Barbara Streisand), die ebenfalls an der Columbia unterrichtet und im Vergleich zu Larkins früheren Dates in punkto Schönheit eindeutig schlechter abschneidet. Dafür kann der etwas öde Professor mit seiner neuen "Freundin" all jene Themen diskutieren, für die seine vorangegangen Bekanntschaften kein offenes Ohr hatten. Für Rose ist diese Beziehung gleichsam ein Schritt nach vorne. Stand sie als intelligentes, aber hässliches Entlein immer im Schatten ihrer dominanten Mutter (Lauren Bacall) oder ihrer Schwester Claire (Mimi Rogers), die sich Roses Schwarm Alex (Pierce Brosnan) zum Mann genommen hat, gibt ihr die kontraktierte Ehe mit Greg ein bisschen Sicherheit. Das Motto : "Immer die Brautjungfer, nie die Braut" braucht sie nicht länger zu quälen. Das Zusammenleben scheint zu funktionieren. Greg hat jemanden zum Fachsimpeln und Rose ist endlich mit einem Ehemann ausgestattet, was ihr die ewigen Vorbehalte ihrer Mutter erspart. Perfektionismus wurde gesucht und erreicht. Ende gut alles gut. Denkste.


Eros, Puccini und die grosse Illusion

Wozu wurde die Ehe, diese Stiftung, eigentlich geschaffen? Die Bibel liefert ihre Antwort, die Geschichte eine andere. Waren es wirtschaftliche Gründe, das Ausleben der sexuellen Triebe, die Fortpflanzung der Menschheit? Sind die Menschen, mit ihrer hohen Alterserwartung nicht viel zu sprunghaft, als dass die "Bis-dass-der-Tod-euch-scheidet"-Angelegenheit funktionieren könnte? Gibt es überhaupt noch so etwas wie eine Romanze? Werden wir von den Medien nicht in die Irre geführt, wenn sie uns eine Szene mit zwei Liebenden vorführen, die beim ersten Kuss von anschwellender klassischer Musik begleitet wird? Manipuliert und enttäuscht schalten wir den Fernseher ab. Eine Beziehung nach Mass, die ohne irgendwelches Bauchgefühl oder Libidoaktivitäten auskommt, bringt im Zeitalter von Aids sogar eine gewisse Sicherheit mit sich. Man ist "alleine, aber mit jemanden" wie es Kyra Sedgwick in Cameron Crows Seattle-Ballade "Singels" ausdrückte.


Und es gibt sie eben doch

Barbra Streisand, ihres Zeichens Regisseurin, Produzentin und Hauptdarstellerin, wirft alle oben erwähnten Bedenken über Bord, bekundet ihre Zuversicht in eine wahre Liebesbeziehung und hebt mit ihrer dritten Arbeit "The Mirror has Two Faces" eine kleine, aber feine Fussnote hervor, die bei einem solchen Arrangement unweigerlich zum Ausbruch kommen muss: die Gefühle. Was sich wie der Auftakt zu einer schwülstigem Liebesgefaselei anhört, wird durch exzellent besetzte Darsteller, sorgfältige Bildgestaltung und ein an Genialität grenzendes Drehbuch zu einem der herzerwärmendsten Auftakte des neuen Jahres. Skript-Schuster Richard LaGravanese, der den "Fisher King" neben König Artus an die Tafelrunde setzte und die "Bridges of Madison County" vom etwas triefenden Kitsch ihrer literarischer Vorlage befreite, lässt erneut die Funken zwischen reifen erwachsenen Menschen sprühen. Ohne Teenager und erste Liebe führt er zwei Intellektuelle zusammen, deren gemeinsame Intressen die Triebe ersetzen sollen. Der trockene Zahlenspezialist und die wortgewandte Literaturprofessorin sind in ihrer Gegensätzlichkeit die urbane Version von Meryl Streep und Clint Eastwood. Und wie schon die Liebenden auf dem Land sind Bridges und Streisand für einander geschaffen. Jeff Bridges, der sich zuletzt für Ridley Scotts "White Squall" anheuern liess und dabei nah an den Rand der schauspielerischen Planken geriet, bringt nach "The Fisher King" zum zweiten Mal eine Figur LaGravaneses zum Leben. Und er tut dies mit viel Hingabe und Liebe für die subtilen Schwächen des zerstreuten Professors, dessen so vorsichtig aufgestellte Gleichung keine Auflösung nach X ergibt. Multifunktionärin Streisand schliesst nebst ihren anderen Verplichtungen im Fach Schauspielerei mit der Höchstnote ab. Hat LaGravanese ihr die eigentlich führende Rolle zugedacht, ist es schlussendlich die Gemeinsamkeit, die dem Zuschauer im Gedächtnis bleibt. Ob Beziehung oder Romanze, der Kampf der Geschlechter ist in Sachen Endresultat nach wie vor ein unkontrollierbares Unterfangen. Schön, dass da der Film eine schlüssige Partnerschaft vermittelt.

Serge Zehnder

Angaben zum Film

Titel:The Mirror Has Two Faces
Genre:Liebesfilm
Bewertung:*****
Länge:126 Minuten
Regie:Barbra Streisand
Drehbuch:Richard LaGravanese
Produktion:Richard LaGravanese, Arnon Milchan, Barbra Streisand
Kamera:Dante Spinotti, Andrej Bartkowiak
Musik:Marvin Hamlish, Barbra Streisand
Besetzung:Barbra Streisand (What's Up Doc, Yentl, A Star is Born, The Prince of Tides)
Jeff Bridges (The Last Picture Show, The Fisher King, Blown Away)
Lauran Bacall (The Big Sleep, Misery, To Have and To Have Not)
Mimi Rogers (Someone To Watch Over Me, Wedlock, Gung Ho)
Pierce Brosnan (Goldeneye, Mars Attaks, Remington Steele TV, Mrs. Doubtfire)
Verleih:20th Century Fox



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