Murder in the First


Besserungsanstalten. Die Jurisprudenz bevorzugt Wörter mit karitativem Anstrich, zumindest in diesem Zusammenhang. "Their rehabilitation process begins." Was das alles heissen kann, zeigt Marc Rocco am Beispiel Alcatraz'. Ein erschütterndes Schicksal, das sich mit Sicherheit genau jetzt wiederholt - irgendwo auf der Welt.



Henri Young (Kevin Bacon) ahnte nicht, dass die fünf geklauten Dollars sein Leben derart verändern würden. Er ahnte nicht, dass er als 17-jähriger in Alkatraz landen und nach einem verratenen Fluchtversuch für mehr als drei Jahre in Isolierhaft, eingesperrt auf 1.8 mal 2.7 Metern ohne Licht und zu niedrig zum Aufstehen, dahinvegetieren sollte. Als er das Loch ("the hole") endlich verlassen darf, ist er zerbrochen, verstört, zerstört. Er ist zu etwas Anderem geworden. Er tötet den Verräter.


Der Teufel als Beamter:
Gary Oldman als Gefängnisdirektor Glenn

"I was the weapon, but I ain't no killer!"

Im folgenden Mordprozess ("murder in the first degree") wird ihm als Pflichtverteidiger der unerfahrene James Stamphill (Christian Slater) zugeteilt. Der Fall ist eindeutig, gibt es doch dutzendweise Zeugen: "Even an ape could handle that case." Aber vorerst ist es Stamphill unmöglich, zu seinem Klienten Kontakt zu knüpfen, geschweige denn über den Fall zu reden. Nur langsam und unter ständigen Rückschlägen gelingt es ihm. Die drei Jahre im Loch haben scheussliche Narben hinterlassen: "I had nothing but thinking, I hate thinking!" Stamphill beginnt, diese menschenverachtende Folter zu realisieren, besichtigt per gerichtlicher Verfügung gar die noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Kerker von Alcatraz. Unfd er will kämpfen.

In einem Alleingang gelingt es Staphill während dem Prozess, die Jury von der Existenz solcher Foltern zu überzeugen und den Gefängnisdirektor Humson (Stefan Gierasch) und seinen äusserst brutalen Stellvertreter Glenn (Gary Oldman) in einem schlechten Licht darzustellen. Als sich die Wende abzeichnet, bekommt es Henri Young, sich nichts sehnlicher als die Gaskammer wünschend, mit der Angst.


"I'd rather die than going back there!"

Aber er kämpft dennoch weiter - und gewinnt. Mit ein paar zusätzlichen Jahren wegen Totschlags kommt er zurück auf die Gefängnisinsel, die er, noch ehe sich die Gefängnisdirektoren verantworten müssen und die Gewölbe endgültig geschlossen werden, wieder verlässt. In einer Holzkiste. "Victory!"


Aller Gefühle beraubt:
Kevin Bacon als Henri Young

Bilder aus der Hölle

Murder in the First gehört zu den wenigen Filmen, die man betreten und mit einem Kloss im Hals wieder verlässt. Regisseur Marc Rocco erschlägt die Zuschauenden nicht mit hirnamputierten Superhelder oder smarten Staranwälten, sondern mit der Realität. Der Verfilmung gingen aufwendige Recherchen voraus und obwohl mehrere Einzelschicksale in den Protagonisten zusammengefasst und gewisse Begebenheiten zumindest nachgedichtet wurden, liegt doch eine wahre Geschichte zu Grunde. So hat es die Gewölbe unter dem Alcatraz-"Neubau" tatsächlich gegeben, die Isolierzellen ebenfalls.

Die ungeheure Spannung, die den Film während den vollen zwei Stunden trägt, hält Rocco mit ungewöhnlichen Kamerafahrten fest. Die eigensinnigen Blickwinkel betonen die Gegensätze, die diese Geschichte prägen: Gefangenschaft und Freiheit, Machtlosigkeit und Allmacht.

Für Kevin Bacons Part als Häftling Harri Young gibt es nur ein Wort: sensationell! Er drückt die Verzweiflung und Auswegslosigkeit in einer Art aus, die einem den Atem stocken lässt. Um sich besser auf die Rolle vorbereiten zu können, soll er sogar eine Nacht in einer Isolierzelle verbracht haben. Auch Christian Slater vermag nach seiner B-Rolle als Hyperkrieger in Broken Arrow ein positives Zeichen zu setzen, hoffentlich nicht das letzte.

Was bleibt ist dieses dumpfe Gefühl in der Magengegend: Es ist schon erstaunlich, was Menschen anderen Menschen antun können.

Sven Schwyn


"Let's play cards..."

Angaben zum Film

Copyright © 1996 Monopole Pathé Films
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