Nelly & Monsieur Arnaud


Eine Gratwanderung der Gefühle

Nelly (Emanuelle Béart) und Monsieur Arnaud (Michel Serrault) treffen sich zufällig in einem Café in Paris. Sie haben keine offensichtlichen Gemeinsamkeiten. Er ist ein älterer Herr, ein ehemaliger Richter und späterer erfolgreicher Geschäftsmann. Sie steht vor der Scheidung und arbeitet gleichzeitig an mehreren Gelegenheitsjobs, um über die Runden zu kommen. Von seinem Verleger Vincent (Jean-Hughes Anglade) dazu gedrängt, plant Monsieur Arnaud, seine Memoiren zu veröffentlichen. Nelly willigt spontan ein, ihm als Schreibkraft zu dienen.

Was folgt ist das Kammerspiel einer Gratwanderung der Gefühle. Hegt M. Arnaud insgeheim spezielle Gefühle für die schöne, junge Nelly? Ist es nur väterliche Zuneigung? Hat er sie angestellt oder gar gekauft, um seiner Einsamkeit ein Ende zu setzen? Nichts stimmt und nichts ist falsch. Auch von Nellys Seite kommt keine Bestimmtheit. Im Gegenteil, sie verliebt sich in den Verleger.

Die ruhigen Szenen in Arnauds Büro - wenn er diktiert und sie schreibt - werden immer wieder unterbrochen von Telefonen, Besuchen, guten und schlechten Neuigkeiten. Jede Möglichkeit zur Intimität wird unterdrückt, die sich bietenden Interpretationen werden dadurch vager. Der Zuschauer wird dafür umso mehr sensorisch gefordert und involviert.

Der Regisseur Claude Sautet wurde bei uns bekannt durch seine filmische Erzählung Un coeur en hiver. Sein neuester Film stellt ungeheure Anforderungen an seine Darsteller. Die subtilen Annäherungen oder Entfremdungen verlangen nach einer dementsprechend subtilen Körpersprache. Meisterhaft spielt Michel Serault (Verhör, Das Auge), der es schafft, dem Zuschauer von Beginn weg ein Mysterium zu sein, nur um am Ende des Film noch fremder zu erscheinen. Das Gesicht von Emannuelle Béart (Manon des Sources, La Belle Noiseuse, L'Enfer) wird sowieso immer ein Rätsel bleiben. Sie hat in diesem Film die schwierigste Rolle, da sie gleichzeitig eindeutigere (gegenüber Vincent) und uneindeutige (gegenüber Arnaud) Gefühle zeigen muss, dennoch bietet sie eine perfekte Leistung. Unpassender erscheint die Besetzung von Vincent mit Jean-Hughes Anglade (Subway, Betty Blue, Nocturne Indien). Nicht weil er schlecht spielt, eher weil man sich die Person oder den Charakter eines Verlegers anders vorstellen könnte.

Das Können der französichen Filmemacher, Unbestimmtheiten oder unerfülltes Verlangen schlüssig und melancholisch auf die Leinwand zu bannen, kann man in Filmen wie Poussire d'Ange von Edouard Niermans oder Nocturne Indien von Alain Cornu bestens erkennen. Dennoch ist es erstaunlich, wie aus der einfachen Ausgangsituation eines Arbeitsverhältnisses kein plumpes Liebesdrama entsteht, sondern ein präzises Spiel mit (Un-)Möglichkeiten. Einen solch subtilen, spannenden Film, in dem die einzige Explosion in Form eines Wutausbruches von Arnaud erscheint, habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Ein Muss!

Martin Ritter

Angaben zum Film


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Copyright © 1996 CineNet (Text)