Noel Field: der erfundene Spion

"Gleichgewicht des Schreckens", "Kalter Krieg", "Eiserner Vorhang"; Ausdrücke, die mit dem Beginn der Nach-Weltkriegs-Ära Nummer Zwei für fast ein halbes Jahrhundert den Wortschatz der Menschheit prägen sollten.



Die Paranoia kannte keine Himmelsrichtungen. In Ost und West wurde denunziert und spioniert. Menschen sahen sich Verhören, Schauprozessen und möglichen Hinrichtungen ausgesetzt. Die Angst vor dem kapitalistischen Coca-Cola-Kreuzzug der "Amis" und der militärische Bedrohung durch die Kommunisten bildete die Grundlage für den atomaren Schild, den die Supermächte über Europa aufspannten.


Werner Schweizers Film Noel Field: Der erfundene Spion versucht anhand eines Menschenschicksals, die undurchsichtigen Machenschaften, die Politiker in Ost und West anwendeten, zu analysieren. Unter Zuhilfenahme von Szenen aus Costa Gavras' Film L'aveu, Chris Markers Interview mit Yves Montand während den Dreharbeiten zu L'aveu, verschiedenen historischen Berichterstattungen und Gesprächen mit Zeitzeugen entstand ein objektives Bild von vier Jahrzehnten vermeintlicher Weltherrschaft.

Hauptsache: Schwarz/Weiss

In Zürich geboren, in Harvard ausgebildet und während des Spanischen Bürgerkriegs Leiter eines amerikanischen Flüchtlingshilfswerks war Noel Field ein Mensch, der sowohl den Kapitalismus wie auch den Sozialismus kennenlernte. Die Erfahrungen mit dem aus Spanien strömenden Elend machten ihn zu einem überzeugten Kommunisten. Ein Vorbild für viele, das man unter keinen Umständen eines Verrates gegen Moskau bezichtigen würde. Doch im Zuge des Reick-Prozesses, bei dem ein gutes Dutzend Unschuldiger als Spione hingerichtet wurden, fand sich auch Field sehr schnell in einem Gefängnis wieder. Von 1949 bis 1954 waren Field und viele seiner Verwandten und Bekannten Opfer brutaler Verhöre und Gehirnwäschen geworden. Jeder von ihnen wurde wegen vermeintlicher Verbindungen zum CIA in die "Isolierung" versetzt. Ob Kosmopolitiker, einst interessierter Tituist oder nachlässiges Parteimitglied, der allgegenwärtige Apparat griff sich jeden, der auch nur einmal eine flüchtige Bekanntschaft mit einem US-Staatsbürger unterhielt. Der "Spion" Field liess sich in dieser Hinsicht nicht täuschen. Seine Treue zur Partei und der Glaube an ein Missverständnis liess ihn bis zu seiner Haftentlassung nicht los. Diese Überzeugung war so gross, dass er eine Entscheidung traf, die alle Mitleidenden in Erstaunen und Verwirrung stürzte.


Voraussetzung: Interesse

Zweifellos eine Thematik, die sich bis ins Unendliche weiterstricken liesse. Um so besser, dass sich Schweizer aufgrund des Stoffes nicht zu hochtrabenden Versuchen verleiten liess. Noel Field: der erfundene Spion ist bestimmt keine filmische Vergangenheitsbewältigung, dafür aber ein intelligenter Blick hinter die Kulissen einer Weltpolitik, die auf der Suche nach der Wahrheit die Illusion neu definiert hat. Dass man für diese Art von Film ein gewisses Interesse mitbringen sollte, ist verständlich. Wer für Schweizers Analyse jedoch empfänglich ist, findet in dem zu Beginn erwähnten Polit-Drama Costa-Gavras' eine brillante Ergänzung. Die Fakten erhalten wir aus der Dokumentation,die Emotionen und das Drama aus dem Spielfilm. Spannende Aufklärung ohne Schulstundencharakter.

Serge Zehnder

Sondervorstellungen:
Herrmann H. Field, der Bruder von Noel Field und Autor der neu erschienenen Autobiographie "Departure Delayed", kommt in die Schweiz und stellt sein Buch vor. Er wird zusammen mit dem Filmautor Werner Schweizer an folgenden Spezialvorstellungen anwesend sein. Anschliessend an den Film findet eine Podiumsdiskussion statt. Der Eintrittspreis beträgt 15 Franken.

Sonntag, 10. November um 11.30h im Kino Movie in Zürich
Mittwoch, 13. November um 18.15h im Kino Movie in Bern
Donnerstag, 14. November um 18.45h im Kino Camera in Basel

Weiterführende Lektüre:
Bartosek, Karel. Praque Paris Praque, 1948-1968: Les supplices de la memoire communiste. Paris: Editions du Seuil, 1996.
Häsler, Alfred A. Einen Baum pflanzen: gelebte Zeitgeschichte. Zürich: Pendo Verlag, 1996.
Haviland Field, Hermann, Kate Field. Departure Delayed. Hamburg: EVA Verlag, 1996.


Angaben zum Film

Titel:Noel Field: der erfundene Spion
Genre:Dokumentation
Bewertung:****.
Länge:104 Minuten
Realisation:Werner Schweizer
Produktion:Dschoint Ventschr Filmproduktion
Technik:Digital Beta (Video) auf 35mm aufkopiert
Verleih:Lang Filmverleih

Dschoint Ventschr nimmt Stimmen zu Noel Field: der erfundene Spion unter der E-Mail 101317.2351@compuserve.com entgegen.


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