Notting Hill (1999)

Nachdem Richard Curtis für Four Weddings and a Funeral noch für einen Oscar nominiert worden war, durfte man auf Notting Hill aus der Feder desselben Autors besonders gespannt sein. Also wieder eine fulminante Komödie mit stark britischem Einschlag, und wieder eine Geschichte, in der man das Taschentuch für Lach- und Trauertränen hervorholt? Ja und Nein. In Notting Hill ist das Märchen etwas einfacher gestrickt, und wenn sich der tolpatschige Buchhändler William Thacker (Hugh Grant) und Hollywood-Star Anna Scott (Julia Roberts) am Ende auf einer Parkbank zur Ewigkeit niederlassen, darf man ein wenig enttäuscht sein. Die unmögliche Liebe ist einmal mehr möglich geworden, ein altes Fazit. Doch unterhaltsam ist der Film unter der Regie von Roger Michell allemal, gespickt mit umreissenden Pointen, und es gibt viele Gründe, ihn zu empfehlen...


von Philipp Michelus


Man könnte auch einfach das 370. Märchen aus Tausendundeiner Nacht nacherzählen: Ein Held, wie immer schön und einigermassen klug, gerät nach langem Umherirren in der Wüste zufällig in eine unterirdische Höhle, wo er auf eine schlafende Prinzessin trifft, die durch seine Ankunft aufgeweckt wird und ihn anspricht: „Endlich bist du gekommen! Schon dreihundert Jahre warte ich auf dich....“. Gleich liest man im umfangreichen Fragenkatalog flackernder Lagerfeuer oder flauschiger Bettlaken morgens um vier. Wieso hat sie gerade auf ihn gewartet? Ist das Zufall, Fügung, Schicksal? In Notting Hill wird eine modernere Variante desselben Märchens erzählt:


Bildunterschrift
Anna Scott ist Filmstar und versteckt sich hinter einer Sonnenbrille, seit sie für ihre Hollywood-Rollen mehr als zehn Millionen Dollar verdient, und seit ihr von den Titelseiten der MarieClaire oder der Newsweek ihr Gesicht ohne Sonnenbrille entgegenlächelt. Sie ist ein Filmstar durch und durch, berühmt, gefeiert und reich. Sie ist die Heldin. Und wie sie an einem schönen Sommertag durch die staubige Wüste der Portobello Road bummelt und sich in die Höhle eines Bücherladens wagt, trifft sie auf einen schläfrigen Mann, der sie anspricht: „Kann ich ihnen helfen?“ – Sie lässt sich helfen und nimmt es gelassen. Wenige Minuten später geht er zur nächstgelegenen Bar, um sich einen Orangensaft zu holen. Er biegt um die Ecke, überrennt seine zufällig daherkommende Heldin und überschüttet sie mit Saft. Nach weiteren Zwischenfällen fällt dann der erste Kuss, und dann, ja dann haben die beiden den ganzen Rest des Films damit zu tun, herauszufinden, ob die Stimme aus der Höhle wirklich für sie war: „Endlich bist Du gekommen! Schon dreihundert Jahre warte ich auf dich.....“.


Bildunterschrift

MENSCHLICHKEIT IN DER ZWEITEN REIHE

Etwas hochtrabend gesprochen: Notting Hill ist ein Film über die Schwierigkeiten, sich auserwählt, oder sich füreinander bestimmt zu fühlen, wenn man aus ganz anderen Kreisen kommt. Leider hat das komödiantische Genre des Films die unangenehme Folge, dass man als Zuschauer immer schon weiss, wie es kommt. Natürlich endet es auf einer Parkbank für die Ewigkeit! Das ständige und sülzige Hin und Her zwischen den beiden wird so zur leeren Farce, und der Film wäre unerträglich, wenn da nicht all die anderen wären, die in ihrem Schicksal nicht so tierisch ernst genommen werden. All die, zu denen es aus der Höhle spricht: „Endlich bist du gekommen! Ich warte schon seit einer halben Stunde.....“. Spike, wenn er im Taucheranzug auf der Dachterasse nach Vögeln Ausschau hält, Honey, wenn sie dem Filmstar beim ersten Familienbesuch auf die Toilette nachrennt oder Bernie, der als vollendeter Pechvogel dem Film seine schönste Melancholie zu geben versteht. Alle drehen sie sich um diese eine Beziehung zwischen Heldin und Prinz, und doch sind sie es, die die echten, die wirklich ans Herz gehenden Gefühle zeigen. In ihnen hat der Film seine ganze Stärke, in ihnen wird das Detail zum tragenden Pfeiler. Wer Julia Robert schön findet, für den ist sie in Notting Hill einfach nur schön. Das kann sich ja lohnen. Doch wie gesagt: Die wahre Würze liegt bei diesem Film in den Nebenrollen und in einem Drehbuch, das zwar nicht als ganzes, doch oft blendend unterhält, und das weit von allem Klamauk noch einiges zu sagen hat über die Kunst des Liebens.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Notting Hill (1999)
Land:Grossbritannien
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Roger Michell
Drehbuch:Richard Curtis (I)
Produktion:Duncan Kenworthy
Ausf. Prod.:Tim Bevan
Richard Curtis (I)
Eric Fellner
Musik:Trevor Jones (I)
Besetzung:Mischa Barton
Hugh Bonneville
Hugh Grant
Rhys Ifans
Julia Roberts
Tim McInnerny
 
Länge:123 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Working Title Films [uk]
Notting Hill Pictures
Bookshop Productions
CH Verleih: Monopole Pathé Films


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