Orson Welles

The One-Man Band


"Tonight, we're going to honour a director, an actor, an author, and a producer. Ladies and gentlemen, here they are: Orson Welles!" Doch war er ebenso Cutter, Maler, Magier, die Liste liesse sich beinahe beliebig fortsetzen. Filme wie Citizen Kane oder The Trial trugen seinen Namen hinaus in die Welt, während seine Aufführung von H. G. Wells Marsianermär The War of the Worlds anno 1938 Tausende an den Radioempfängern in blanke Panik versetze.

Aber sind das nur die Spitzen des Eisbergs ...



Welles narrt die Massen (1938):
"... and if your doorbell rings and nobody's there,
that was no marchant, it's Halloween."
Am 10. Oktober 1985 stirbt Orson Welles in der Filmmetropole Los Angeles. Erst 1993 öffnet seine langjährige Lebenspartnerin Oja Kodar die Tür zu jenem gewaltigen Nachlass, um den sich seit mehr als einer Dekade die wildesten Gerüchte ranken. In den folgenden Monaten arbeiten Vassili Silovic und Roland Zag gemeinsam mit Oja Kodar an einem Skript für eine Dokumentation, welche die letzten 20 Jahre seines Schaffens umfassen und den Menschen Orson Welles in den Mittelpunkt stellen sollte. Entstanden ist eine persönliche Hommage an den Altmeister, ein Mosaik aus Gesprächen mit Oja Kodar, nachgedrehten Illustrationen und ­ natürlich ­ Sequenzen aus dem rund zwei Tonnen Filmmaterial schweren Nachlass.


"In other words: I'm crazy ..."

Zu Lebzeiten hatte Orson Welles mit dem zweifelhaften Ruf zu kämpfen, er sei unfähig, seine Filmprojekte wirklich zu Ende zu führen. In der Tat brauchte es beispielsweise bei The Trial mehr als nur sanften Druck der Geldgeber, um innert (für sie) nützlicher Frist zu einem Abschluss zu kommen. Er arbeitete an unzähligen Projekten gleichzeitig, immer wieder zwangen ihn widrige Umstände oder Finanzierungsprobleme zum Umdenken oder gar vorzeitigem Abbrechen. Die zahlreichen Rückschläge nagten zwar an Welles, doch von Verbitterung keine Spur. Silovics Film dokumentiert eindrücklich die ungebrochene kreative Energie Welles'.

Den Geldgebern, Zensurbehörden und auch dem Publikum war der Regisseur Orson Welles jedoch immer zwei Spuren zu exzentrisch, zu undurchsichtig, zu unbequem: "I would love to have a mass audience. Actually, you're looking at the man who was looking for a mass audience all life long." Sein Fernsehprojekt The Orson Welles Show wurde nie ausgestrahlt. The other Side of the Wind ­ eine Abrechnung mit Hollywood ­ wurde zwar abgedreht, das Material steht aber bis heute unter dem Bann hängiger Gerichtsverfahren, die eine Veröffentlichung verunmöglichen. Von beiden Produktionen werden Ausschnitte gezeigt.


"... but not crazy enough to pretend to be free."

Orson Welles: The One-Man Band ­ der Titel stammt übrigens auch von der Feder des Meisters ­ ist ein absolutes Muss für alle Liebhaber des besonderen Kinos. Subtil und ohne falschen Pathos geht die Doku an den Mythos Welles heran und enthüllt Neues und Aufregendes zum Wesen seiner Person und seiner Arbeiten. Die gelungene Mischung aus Gesprächen, Diskussionen, tragischen Monologen und urkomischen Klamotten (Originalton mit deutschen Untertiteln) machen den besoneren Charme aus ­ und machen Appetit auf mehr.

Der gesamte Nachlass wird übrigens zur Zeit am Münchner Filmmuseum restauriert und soll später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Sven Schwyn



Zu Ehren des elften Todestages Orson Welles' zeigt das Filmpodium im Oktober einen Zyklus zu seinem Werk. Ausserdem dürfte die erwähnte Hörspielfassung des War of the Worlds von den Radiostationen erneut ausgestrahlt werden. Und schliesslich läuft noch Independence Day im Kino, letztlich kaum mehr als ein High-Tech-Abklatsch von Wells/Welles Marsmännchen.

Angaben zum Film
Copyright © 1996 Lang Film (Bilder)
Copyright © 1996 CineNet (Text)