Othello

"I'll pour this pestilence into his ear:
That she repeals him for her body's lust;
And by how much she strives to do him good,
She shall undo her credit with the Moor."
(Iago in Akt 2, Szene 3, Zeile 323ff)



Gibt es einen vernünftigen Grund, sich zweieinhalb Stunden in einen mehr oder weniger bequemen Kinosessel zu plazieren um sich die tausend-und-erste Verfilmung von William Shakespeares Tragödie Othello anzusehen?

Und ob! Oliver Parkers Debüt als Spielfilmregisseur ist eine durchwegs gelungene Adaption des Klassikers für die Leinwand. In zuweilen langen Schnitten erlaubt Parker seinen Darstellerinnen und Darstellern, ihr Talent unter Beweis zu stellen, was denn den meisten auch gelingt.


Der Intrigant bei der "Arbeit"
Irène Jacob und Kenneth Branagh

Starke Handlung

Wenn es eine Motivation gibt, Englisch zu lernen, dann hat diese einen Namen: William Shakespeare. Mit Othello schuf der englische Schauspieler und Dramatiker vor bald schon 400 Jahren eine unvergleichlich berührende Tragödie: Nach der heimlichen Hochzeit zwischen dem schwarzen Othello (Laurence Fishburne), einem erfolgreichem General in den Diensten Venedigs, und Desdemona (Irène Jacob), der Tochter des venezianischen Senators Brabantio, tritt das Böse in Gestalt des Intriganten Iago (Kenneth Branagh) auf den Plan. Indem er das Vertrauen, das ihm Othello und andere entgegenbringen, schamlos ausnutzt, spinnt Iago ein Geflecht aus Lügen und Missverständnissen, die bei Othello den Eindruck erwecken, seine Frau habe eine Affäre mit seinem Freund und Leutnant Cassio (Nathaniel Parker, übrigens der Bruder des Produzenten), womit die Tragödie ihren unaufhaltsamen Lauf nimmt.


Der Patriarch ist sauer:
Irène Jacob und Laurence Fishburne

Starke Besetzung

Es tut dem Film zweifelsohne gut, dass die meisten beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler und auch Regisseur Oliver Parker selbst auf teilweise beeindruckende Bühnenkarrieren verweisen können. Kenneth Branagh, spätestens seit seiner Verfilmung der Shakespeare-Komödie Much Ado about Nothing nicht mehr nur Theaterliebhabern ein Begriff, überrascht dabei immer wieder mit seinen direkt in die Kamera gesprochenen Monologen, die mitunter nahtlos in die folgende Szene überführen. Die Titelrolle spielt Laurence Fishburne überzeugend, wenn auch teilweise fast unterzeichnend, spielt er den mächtigen Feldherrn, der nicht durch tausend Krieger, sondern seine eigenen Zweifel und Eifersucht zerfressen und schliesslich zerstört wird. Schlicht unschlagbar ist Michael Maloney als Rodrigo, der in sich den idealen Partner Desdemonas sieht und sich von Iago immer und immer wieder ausnutzen und beeinflussen lässt. Maloney glänzte übrigens zuletzt in Kenneth Branaghs In the Bleak Midwinter, wo er einen leicht neurotischen Theaterregisseur mimte. (Leider gibt es kein Bild mit Rodrigo.) Einzig die Schweizerin Irene Jacob vermag die eigentlich starke Rolle der Desdemona nicht so richtig zu vermitteln. Sie bleibt wie in früheren Verfilmungen das hilflose und naive Opfer.


Hätte er bloss abgedrückt...

Lang und gut

Es gibt also doch gengend Gründe, für zweieinhalb Stunden in ein Kino zu verschwinden. Und wer in Erinnerung Kenneth Branaghs Much Ado about Nothing immer noch Angst vor Shakespeares zuweilen für nicht-native-speaker unverständlichen Sprache hat (sic!), sei hiermit beruhigt: Othello ist nicht ganz so beladen mit Puns und Wortspielen.

Sven Schwyn



Angaben zum Film



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