Pasolini, un delitto italiano

2. November 1975, Morgen: In einem Vorort Roms entdecken Anwohner zwischen Sperrmüll und Schlammpfützen einen zu Tode geschundenen Körper, den von Pier Paolo Pasolini. "Jedes Jahrhundert werden nur drei oder vier Dichter geboren, und wir haben einen Dichter verloren", Alberto Moravia in seiner Totenrede. Aber Pasolini war nicht nur ein Dichter, sondern auch ein aufmüpfiger, an den Marxismus glaubender Zeitkritiker, Regisseur, Kolumnist; seine Homosexualität versuchte er nie zu verhehlen.



"Ich weiss sehr wohl, wie widersprüchlich man sein muss, um wirklich konsequent zu sein." (Pier Paolo Passolini)

Im Kreuzverhör
Marco Tullio Giordana arbeitet den Pasolini-Mord in der Art eines "JFK italiano", als Spielfilm mit Dokumentationscharakter, auf:

Noch am selben Tag wird der Jugendliche Pino Pelosi (Carlo de Filippi) unter dringendem Mordverdacht verhaftet, nachdem er von einer Streife in Pasolinis Wagen gestoppt werden konnte. Es beginnt eine äusserst schlampige Untersuchung, einzig mit dem Ziel, den Fall so schnell als irgend möglich unter der Etikette Sexualdelikt ad acta legen zu können. Als der ermittelnde inspettore Pigna (Tony Bertorelli) inspiriert durch die Ideen des Pasolini-Anwalts unter der oberflächlichen Einzeltäter-Theorie ein politisch motiviertes Komplott von Neofaschisten auf Befehl der regierenden Klasse zu erkennen scheint, werden seine Ermittlungen plötzlich massiv behindert. Trotzdem gelingt es dem Pasolini-Anwalt Scarpati (Nino Marazzita) nach einer brillianten Beweisführung durch den Gerichtsmediziner Durante (Massimo de Francovich) das Gericht zu überzeugen. Pino Perlosi wird erstinstanzlich wegen "vorsätzlicher Tötung mit mehreren unbekannten Komplizen" zu einer hohen Jugendstrafe verurteilt.


Auf der Suche nach Beweisen

Unbequeme Wahrheit

In der Folge werden Inspektor Pigna und ein massgeblich beteiligter Undercover-Agent in andere Abteilungen "befördert" und ein Berufungsverfahren eröffnet, in dessen Verlauf die "mehreren unbekannten Komplizen" für unwahrscheinlich erklärt und damit eine politisch motivierte Tat ausgeschlossen wird - offenbar auf Befehl des politischen Establishments. Als weitere Parallele zum Kennedy-Mord wird die "nichts als die reine Wahrheit" auch in diesem Fall nie mehr ans Tageslicht kommen, zu mächtig sind die Gegner.

Der für die Regie und das Script zeichnende Marco Tullio Giordana hat sich schon früher mit dem Pasolini-Mord befasst, so 1980 in seinem Erstlingswerk Maledetti vi amero. Auf jedem Meter des Films ist sein Wunsch und Streben spürbar, "ich würde nicht sagen, die Wahrheit zu finden, aber wenigstens zu wissen, warum die Wahrheit nie enthüllt werden konnte und möglicherweise nie wird" (Giordana). Und das aufzuzeigen gelingt ihm auch.

Täter oder Opfer - oder beides?
Die beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler sind allesamt bühnen- oder celluloiderfahren und erfreuen sich höchstens in Italien einer gewissen Bekanntheit. Diese für uns "jungfräulichen" Gesichter und eingeschnittene Originalaufnahmen (unter anderem von Pier Paolo Pasolini) machen das faszinierend authentische Flair dieses Films aus.

Prominente Unterstützung für den Soundtrack fand Giordana in Ennio Morricone - unverkennbar, schon nach den ersten Takten.

Wer sich übrigens etwas in das Schaffen Passolinis einlesen möchte, der und dem seien seine Kolumnen in der Zeitschrift "Tempo" ans Herz gelegt. Die kompakten Attacken des Altmeisters der Polemik sind 1981 im Medusa- und 1988 im Piper-Verlag unter dem Titel "Chaos gegen den Terror" erschienen; die Bücher sind auch in der Zentralbibliothek und dem Sozialarchiv erhältlich.

Sven Schwyn



Angaben zum Film

Copyright © 1996 Monopole Pathé Films (Bilder)
Copyright © 1996 CineNet (Text)