Pastry Pain and Politics

Eine herrlich frische Komödie mit Biss.


von Sandra Walser


Was passiert, wenn eine Filmfigur kollabiert, während sie gerade genüsslich eine riesige Portion Eiskrem mit einer Unmenge Sahne verschlingt? Genau: Das schmerzverzerrte und bleiche Gesicht klatscht ungebremst in die süsse Speise. Hach, wie lustig das doch immer wieder ist! In Stina Werenfels' «Pastry, Pain and Politics» allerdings sinken Kinn und Nase in einer fast unerträglichen Ruhe und verfehlen schliesslich prompt das weisse Türmchen - zwar nur um einige Zentimeter, aber immerhin. Dieses Spiel mit den Sehgewohnheiten der Kinogänger steht stellvertretend für das Gesamtkonzept des Filmes: In dreissig dichten Minuten wird auf eine klevere und zugleich äusserst witzige Art mit Stereotypen und Vorurteilen aller Art abgerechnet.

Genörgel

Aus New York kommt es, das ältere jüdische Ehepaar Weintraub. Schon in der ersten Einstellung liegt es sich in den Haaren. Ellen (Viola Harris) will unbedingt nach Israel in die Ferien, Fritz (Jack Carter) ist es dort zu heiss. Also beschliesst man, den Urlaub in der Schweiz zu verbringen. Ellen jedoch gefällt dies ganz und gar nicht: Mit dem «Heidi-Land» möchte sie am liebsten nichts zu tun haben, denn im zweiten Weltkrieg wurde sie als Hilfesuchende an der Grenze abgewiesen. Schliesslich fahren sie aber doch in die Schweiz und es scheint fast so, als würde Fritz für sein Durchsetzungsvermögen bestraft: Kaum angekommen, muss er feststellen, dass aufgrund eines Rekordsommers die Temperaturen jene in Israel übersteigen. Und so kommt es schliesslich zur eingangs bereits geschilderten Szene in einem Kaffee. Notfallmässig muss Fritz in den Spital eingeliefert werden. Dort pflegt ihn die palästinensische Krankenschwester Hayat (Nezâ Selbuz). Ja, und von einer «Terroristin» will er sich nun mal wirklich nicht behandeln lassen. Der unvermeidbare Schlagabtausch beginnt und nimmt immer groteskere Formen an.

Bissig

Was da auf Celluloid gebannt ist, und stellenweise fast schon absurd anmutet, hat sich in Wirklichkeit tatsächlich zugetragen. Während ihres Filmstudiums in New York kam der Regisseurin Werenfels zu Ohren, dass sich ein alter Jude und eine palästinensische Krankenschwester im Krankenhaus erbitterte Gefechte liefern. Die filmische Umsetzung ist zwar wohl noch um einiges phantastischer ausgefallen als das reale Geschehen selbst. Gerade das macht «Pastry, Pain and Politics» aber zu einer herrlich frischen Komödie mit Biss. Der Film bietet ein hochwertiges Konzentrat an Spannung und Witz, an ausgeklügelten Dialogen und umwerfenden schauspielerischen Leistungen. Selten zuvor wurde ein Stück heikelster Geschichte mit so süsser Banalität - paradoxerweise - derart feinfühlig und aussagekräftig angegangen.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Pastry Pain and Politics
Land:Schweiz
Genre:Dokumentation
Bewertung:
 
Regie:Stina Werenfels
Besetzung:Jack Carter
Viola Harris
Nezâ Selbuz
 
Länge:30 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)


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