Pequeños milagros (1997)

Die filmische Suche des Argentiniers Eliseo Subiela geht weiter und bleibt sich selbst in mancherlei Hinsicht treu. Realität und Phantasie, Traum und Wirklichkeit (was immer das auch sein mag) verschmelzen zu einem zeitgenössischen Leinwandmärchen. Ist Rosalía eine Fee inmitten unserer unterkühlten Welt? Oder ist am Ende doch alles bloss Einbildung? Subiela arbeitet mit einem Stoff, der Filmproduzenten Angstschweiss auf die Stirn treibt, und verwebt ihn mit einer scheinbaren Leichtigkeit zu etwas ganz Besonderem.


von Sven Schwyn - Web


Rosalía ist anders. Merkwürdige Talente schlummern in ihr. Sie nimmt Dinge wahr, die anderen verborgen bleiben. Lieder in längst ausgestorbenen Sprachen sind ihre Begleiter. Sie kann Dinge verzaubern. Kann Menschen verzaubern. Und immer wieder erscheint ihr im Traum eine Fee, die sie aus einer scheinbar ausweglosen Situation befreit. Rosalía beginnt sich zu fragen: Bin ich vielleicht selber eine Fee?

Was für eine Frage! Feen sind etwas für Kinder, den Gute-Nacht-Geschichten entsprungen. Feen gibt es nicht. Basta! Doch in Rosalía (Julieta Ortega) keimen Zweifel, die zusehens in eine Gewissheit übergehen. Dass sie damit in ihrer Umwelt meistens auf taube Ohren stösst, ist vorprogrammiert. Zu geblendet vom modernen Alltag sind die (sehenden) Menschen, um an etwas derartiges noch zu glauben. «Tanta gente ve sin mirar.» (So viele Leute sehen ohne zu schauen.) Rosalía steht eine spannende Reise gespickt mit magischen, auch lustigen Momenten bevor, die sie in ganz unterschiedliche Richtungen treiben werden.

Eliseo Subiela skizziert nicht bloss eine Reihe von sehr unterschiedlichen Leuten aus ebenso unterschiedlichen Umfeldern, sondern malt sie aus, gibt ihnen Farbe, Form und Profil. Dies gelingt ihm am eindrücklichsten bei der Hauptfigur Rosalía, seiner ersten weiblichen Hauptrolle überhaupt. Die Rollen alleine sind jedoch erst die halbe Kunst, es braucht vor allem auch Schauspielerinnen und Schauspieler, die mit solchen Rollen überhaupt umgehen können, was in diesem Fall sicher zutrifft ­ insbesondere für Julieta Ortega als Rosalía. (Eine weitere Première ist übrigens, dass Subielas Tochter Guadalupe auftritt, als Fee in Rosalías Träumen.)



Suchen, finden, verlieren

Santiago (Antonio Birabent) ist ebenfalls auf der Suche. Als Astronomiestudent ist er an einem Projekt beteiligt, das im Weltall nach den Stimmen von ausserirdischem Leben horcht. Nebenbei hält er auf dem Internet nach interessanten Frauen Ausschau und lernt so Rosalía kennen. Sie allerdings weiss nichts davon, denn die eigenwillige Beziehung funktioniert nur in eine Richtung ­ über eine kleine Kamera («el ojo salvaje»), die versteckt just an der Bushaltestelle montiert ist, an der Rosalía jeden Tag vorbeikommt.

Alle sind am Suchen und Finden, manchmal auch Verlieren. Subiela stellt viele Fragezeichen in den Raum, ohne die Absicht, diese dann auch gänzlich aufzulösen. Und genau darin liegt die Stärke seiner Filme. Sie berieseln das Kinopublikum nicht einfach mit vorverdauter Gefühlsduselei, sondern wecken die eigene Phantasie. So kann es passieren, dass ich etwas anderes sehe als das Pärchen in der sechsten und der Filmkritiker in der achten Reihe. Oder was bedeutet für Sie «la muerta no existe» (der Tod existiert nicht)? Nun, finden Sie's raus.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Pequeños milagros (1997)
Land:Argentinien
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Eliseo Subiela
Drehbuch:Eliseo Subiela
Kamera:Daniel Rodríguez Maseda
Besetzung:Héctor Alterio
Antonio Birabent
Monica Galan
Paco M
Julieta Ortega
Ana Maria Picchio
Guadalupe Subiela
 
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Prod.-firma:Promisa S.A.
CH Verleih: Trigon Film


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