The Pillow Book

<<Wenn ich fast täglich meine Gedanken zu Papier bringe,
denke ich oft, es wäre besser, nichts aufzuzeichnen, und auf keinen Fall sollten Fremde mein Skizzenbuch zu Gesicht bekommen; denn ich schreibe alles nieder, was mir in den Sinn kommt, auch merkwürdige und unerfreuliche Dinge.>>


Vor rund tausend Jahren hat die japanische Hofdame Sei Shonagon diese Zeilen in ihr Kopfkissenbuch (engl. "pillow book") geschrieben 1). Es blieb nicht unentdeckt und wurde noch zu Lebzeiten allen Bedenken zum Trotz veröffentlicht und erlangte bald den Ruf eines Meisterwerks. Peter Greenaways Film nun ist eine Hommage and Shonagons Kopfkissenbuch ­ und noch weit mehr.


Der Geburtstagsgruss

Das Erwachen

Nagiko (Vivian Wu) hat Geburtstag. All die Jahre hat ihr Vater (Ken Ogata) den Geburtstagsgruss auf ihr Gesicht geschrieben, doch jetzt ist alles anders. Sie wurde gegen ihren Willen mit dem Sohn von Vaters Verleger (Ken Mitsuishi) verheiratet und diesem fehlt jedes Interesse für Literatur und für so Kindereien erst recht. Als er Nagikos Kopfkissenbuch demonstrativ verbrennt, verlässt sie den Angetrauten und flüchtet nach Hongkong in ein neues Leben, in dem sie ihre eigenen Interessen in den Mittelpunkt stellt.

Rasch arbeitet sie sich hoch und schafft schliesslich den Durchbruch als Model. Als Einziges knüpft ihre Liebe zur Kalligraphie an ihr altes Leben an, in Erinnerung an ihren Vater. Sie lässt sich von Schreibkünstlern ihren Körper beschreiben und gilt die Arbeit mit Liebesdiensten ab, ganz wie seinerzeit ihr Vater sich von seinem Verleger (Yoshi Oida) sexuell benutzen lassen musste, um seine Kalligraphien veröffentlichen zu können.


Wo die Liebe hinfällt:
Vivian Wu und Ewan McGregor

Vom Papier zum Pinsel

Das ändert sich schlagartig, als sie den englischen Übersetzer Jerome (Ewan McGregor) kennenlernt. Sein Gekrizel taugt vorerst gar nichts, dafür ist seine Haut umso besser als Medium geeignet. Amors Pfeil trifft die beiden und gemeinsam beginnen sie, die Kalligraphie neu zu entdecken. Nagikos Fertigkeiten darin sind bald so gut, dass sie einen Text veröffentlichen möchte. Doch sie wird zurückgewiesen. Erst als sich Jerome, der mit dem damaligen Verleger von Nagikos Vater ein Verhältnis hat, sich als "Papier" zur Verfügung stellt, wird ihrem Werk gebührend Beachtung geschenkt.

Doch von den vorgesehenen 13 lebenden Büchern kann Jerome nur die ersten überbringen. Von der Eifersucht besessen lässt Nagiko Jerome fallen und ignoriert ihn so lange, bis dieser in ihrer Wohnung Selbstmord begeht. Zum Abschied schreibt Nagiko auf ihm das "Buch des Geliebten", das Jerome mit in sein Grab nimmt. Doch dort bleibt es nicht lange, denn der Verleger lässt ihn heimlich exhumieren, seine Haut zu Pergament gerben und in ein Buch binden.

Nagiko kalligraphiert um diese schändliche Tat wissend weiter, bis sie zum 13. und letzten, dem "Buch des Todes" gelangt. Für den Verleger ist dieses Buch ein Urteil, dessen Vollstreckung eine Sache der Ehre ist.


Yoshi Oida mit dem "Buch des Geliebten"

Seltsam schön

Peter Greenaway inszeniert diese auf den ersten Blick sehr konstruiert wirkende Geschichte meisterhaft leichfüssig. Er komponiert gekonnt aus Kontrasten in Schwarzweiss, Farben und Lichtern mit Inlets2) ein harmonisches Ganzes. Den Erzählstil (die Art der Kameraführung, des Schnitts und die Technik des Filmens) ist auf das jeweils Erzählte abgestimmt. Was für die Bilder gilt, ist in nicht minderem Masse auch für die Musik zutreffend. Greenaway: "Charakteristisch für die Musik in The Pillow Book ist, dass sie eine beabsichtigte eklektische Mischung aus dem Alten und dem Neuen, dem Osten und dem Westen ist: genau wie das Hongkong des 20. Jahrhunderts." (Ob der Soundtrack in der Schweiz in die Geschäfte kommen wird, ist übrigens zur Zeit noch nicht sicher.)

Mit Vivian Wu, Ken Ogata, Yoshi Oida und Ewan McGregor standen Greenaway talentierte Schauspieler/innen zur Seite, die diesen nicht einfachen Stoff überzeugend in Szene setzen konnten. Insbesondere Vivian Wu vermag die Intention Greenaways, die Emanzipation Nagikos oder ­ mit der Metapher des Filmes ausgedrückt ­ den Wechsel vom Papier zum Pinsel führt spielt sie kraftvoll auf die Leinwand.

The Pillow Book ist die eigensinnige und spannende Umsetzung eines ebenso eigensinnigen und spannenden Skripts; ein eindrücklicher Beweis für die künstlerische Mannigfaltigkeit des Mediums Film als Collage mit dem geschriebenen Schriftzeichen.

Sven Schwyn

1) Auf Deutsch erschienen bei DTV unter dem Titel "Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon" (DTV 24005).
2) In eine Einstellung hineingeschnittene Fenster mit Unter- oder Nebeneinstellungen.

Angaben zum Film

Titel:The Pillow Book
Genre:Studiofilm
Bewertung:****
Länge:123 Minuten
Regie:Peter Greenaway (The Cook, the Thief, his Wife and her Lover)
Drehbuch:Peter Greenaway
Produktion:Kees Kasander, Denis Wigman (exec), Terry Glinwood (exec), Jean-Louis Piel (exec)
Kamera:Sacha Vierny
Musik:diverse
Besetzung:Vivian Wu (The Last Emperor, Heaven and Earth)
Yoshi Oida (Mahabharata)
Ken Ogata (Narayama-Bushi Ko, Mishima)
Ewan McGregor (Shallow Grave, Trainspotting)
Verleih:Monopole Pathé



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