Primary Colors (1998)

Darf man einen Politiker für seine privaten Taten in der Öffentlichkeit zur Rechenschaft ziehen?


von Serge Zehnder


Robin Williams bemerkte über Bill Clinton vor ein paar Jahren: «Mir ist's egal ob er's mit Hühnern treibt, solange er das Budget einhält.» Diese Aussage hat zweifellos was an sich, und Bill Clinton wäre wohl auch sehr glücklich, wenn jeder amerikanische Bürger und besonders jeder Politiker und republikanische Sonderermittler so denken würde. Seine schürzenjägerische Vergangenheit hat ihn zumindest aus seiner Stabilität und um seine Souveränität gebracht. Nur, ist er deswegen ein schlechter Präsident?
Jemand, der längere Zeit um Clinton lebte, war Joe Klein, der den jetzigen Präsidenten bei seinem ersten Wahlkampf von 1992 begleitete und verschiedene der jetzt so wichtigen Details zu Papier brachte, welche er ein paar Jahre später anonym in einem halbwegs fiktiven Roman veröffentlichte. Regisseur Mike Nichols und seine langjährige Drehbuchautorin Elaine May nahmen sich dem komplexen aber extrem unterhaltsamen Stoff an und spannen eine etwas andere Polit-Satire. John Travolta gibt darin den arkansischen Gouverneur Jack Stanton, der mit seiner Frau Susan (Emma Thompson) ins Weisse Haus ziehen will. Wie in der Vorlage sehen wir die Ereignisse durch die Augen des schwarzen Polit-Aktivisten Henry Burton (Adrian Lester ein unglaublicher «No Name»- Besetzungscoup). Henry ist auf der Suche nach etwas, an das er glauben kann. Damit ist er vielleicht der einzige Beteiligte, dem die heuchlerischen Strategien als «gutes» Mittel zum Zweck erscheinen. Ein pervertierter Don Quixote, der die Windmühlen nicht bekämpft sondern versucht, sie zu lieben.


Travolta bei Regisseur Rob Reiner («A Few Good Men») im Radiostudio.

AN ACTOR'S MAN

Wie so oft bei Nichols geht es auch hier um die Menschen. Seit Beginn seiner Karriere mit dem glorreichen Burton/Taylor-Kammerspiel «Whose Afraid Of Virginia Wolf» und dem Upper- Class Drama «The Graduate» war und ist Nichols ein Mann für die Schauspieler und die menschlichen Seiten im Leben. Dass ihm dies auch misslingen kann sah man mitunter bei Harrison Fords Rehabilitations-Schmarren «Regarding Henry». Anderseits sorgte der Broadway- Veteran Nichols mit «Working Girls» und The Birdcage für volle Kassen, was seine Fähigkeit, Unterhaltung zu inszenieren, immer wieder untermauerte. Primary Colors ist nun sein wohl intimster und stillster Film seit langem, obwohl er inmitten des wahnsinnigen amerikanischen Wahlgetümmels spielt, mit weniger Biss als Wag The Dog, dafür mit wesentlich vielschichtigeren und realen Figuren.


Gebanntes Warten auf die Wahlkampfresultate.

MENSCHENNAHE SATIRE

Natürlich ist ihr Auftreten oft überaus unrealistisch. Trotzdem erreichen alle von May brillant gezeichneten und hervorragend gespielten Figuren im Verlauf der Geschichte einen emotionalen und moralischen Tiefpunkt, wo selbst der grösste Zynismus nichts ausrichten kann. Von Billy Bob Thornton (Sling Blade, Armageddon) bis hin zu Kathy Bates («Misery») bestens besetzt, ist Emma Thompson überraschenderweise der grösste Schwachpunkt des Films. Sie bemüht sich redlich und ihr amerikanischer Akzent ist perfekt gespielt, aber eben auch «nur» gespielt. Daneben stolpert sie wie schon einige Male zuvor über ihre eigene «Overacting»- Schwelle, die in dem exaltierten aber dennoch subtilen Spiel ihrer Kollegen fehl am Platz wirkt. Abhalten sollte dies vom Kinobesuch aber nicht. Trotz seiner gut 140 Minuten Laufzeit und dem ruhigen Fluss ist Primary Colors vermutlich einer der aufrichtigsten, und so absurd es klingen mag, einer der humansten Politfilme. Nichols richtet nicht über Stanton, erzählt nicht von grossen Verschwörungen und Manipulationen sondern von den menschlichen unmoralischen Fehlern, die tagtäglich begangen werden. Kann man diese Fehler nicht verzeihen, können sie auch nicht als Wertung für die beruflichen Qualitäten eines Menschen genommen werden.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Primary Colors (1998)
Land:USA
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Mike Nichols
Drehbuch:Joe Klein (I)

Elaine May
Produktion:Michael Haley

Mike Nichols
Koproduktion:Michele Imperato
Ausf. Prod.:Jonathan D. Krane

Neil A. Machlis
Kamera:Michael Ballhaus
Schnitt:Arthur Schmidt (I)
Musik:Ry Cooder

Carly Simon
Ausstattung:Bo Welch
Kostüme:Ann Roth (I)
Besetzung:Caroline Aaron

Kathy Bates

Larry Hagman

Ben Jones

Larry King (I)

Robert Klein (I)

Diane Ladd

Adrian Lester

Rob Reiner

Tony Shalhoub

Emma Thompson

Billy Bob Thornton

Maura Tierney

John Travolta

Rebecca Walker

Mykelti Williamson

Kristoffer Ryan Winters
 
Länge:140 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Mutual Film Company

Universal Pictures
CH Verleih: Rialto Film


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