Promesse, La (1996)

Unaufdringlich, ohne grosse Vorgeschichte, aber von einer gewaltigen Wucht, erscheinen bisweilen Filme auf den Schweizer Leinwänden, von denen man zuvor noch nie etwas gehört hat, danach dafür um so glücklicher ist, dass es sie gibt. «La Promesse» von Luc und Jean-Pierre Dardenne, gehört zu jenen Waisen.


von Serge Zehnder


Dabei ist das Thema, dem sich die Brüder angenommen, keineswegs neu. Die Problematik der illegalen Ausländer wurde schon mehrmals (auch auf schweizerischem Terrain) behandelt. Ausgehend von einer Vater-Sohn-Beziehung schildern die Dardennes das Leben einer Unterschicht-Familie, die durch das Schmuggeln von Ausländern sich einen Traum erfüllen will. Igor (Jérémie Renier) und sein Vater Roger (Olivier Gourmet) beherbergen in einer dreckigen, abbruchreifen Wohnsiedlung eine Handvoll Immigranten, die sich ihren Aufenthalt als billige Arbeitskräfte Rogers finanzieren. Umgeben von Spelunken, Spielsalons und Hinterhofspielhöllen will Roger mit seinem Sohn aussteigen und versucht daher genug Geld zusammenzukratzen, um ein Grundstück auf dem Land zu kaufen. Ohne irgendwelche moralischen Probleme mit dem Beruf des Vaters zu haben, verfolgt Igor seine Ausbildung als Automechaniker, bei der er auch ab und zu die Brieftasche eines Kunden mitgehen lässt. Schliesslich und endlich will man aus dem Moloch von proletarischem Abgrund loskommen.


Ein tristes, abgewracktes Belgien

Der Fall und die Landung

Unter den verschiedenen Immigranten ist auch schwarze Assita (Assita Ouédraogo), die mit ihrem Mann Hamidou (Rasmané Ouédraogo) und ihrem Kind im Westen hofft, dem Chaos ihres Heimatlandes zu entrinnen. Zur tragischen Wende kommt es jedoch, als Hamidou aufgeschreckt durch den Besuch von ein paar Arbeitsamtbeamten vom Gerüst fällt und sich schwer verletzt. In der Eile nicht aufzufliegen, wirft Roger den Schwarzen in einen Abfallcontainer und lässt ihn dort verenden, ohne zu wissen, dass sein Sohn dem sterbenden Vater versprochen hatte, nach seiner Frau und ihrem Säugling zu sehen, was Igor mit der Zeit von seinem Vater entfernt, und ihm das Verschweigen der Wahrheit immer schwerer fällt.


Wo sich die Grenzen zwischen Vater und Sohn bemerkbar machen

Unbekannte Orte, bekannte Themen

Filme aus Belgien sind etwa so selten wie Eigenproduktionen aus der Schweiz. Dafür besitzen diese Filme eine unglaubliche Wirkung, die noch lange mit einem bleibt. Bestes Beispiel dafür war «C'est arrivé près de chez vous», der düstren Abhandlung über das Leben eines Killers. Die Gebrüder Luc und Jean-Pierre Dardenne sind bei ihrer Themenwahl nicht so extrem, aber nicht weniger unzimperlich umgegangen. Illegale Einwanderung, Erpressungen von den Schleppern und ein intimes Vater-Sohn-Drama wurde alles in einem Film untergebracht. Die Konfrontation zwischen Roger und seinem Sohn ist mit viel Gespür inszeniert worden. Dank des phantastischen Jérémie Renier, der den absoluten Kontrapunkt zu den gängigen Kinderdarstellern setzt, wird einem schnell klar, wie nah wir uns an der Realität befinden. Blond und gutaussehend, aber mit kaputten Zähnen nichts perfektes vorhanden ist. Hastige Kamerafahrten führen mit Tempo die Figuren ein, damit man sich später mehr Zeit für ihre Entwicklung nehmen kann. Das Brüdergespann setzt dabei gezielt auf die Ausweglosigkeit ihrer Protagonisten, wie mies es Igor und Roger ergeht, darüber lassen die Dardennes keinen Zweifel aufkeimen. Dennoch ist «La Promesse» eines der stärksten Stücke europäischen Kinos in der letzten Zeit. Und beweist, dass es nicht unbedingt einen Mike Leigh oder Ken Loach erfordert, um das bevorstehende Elend der durch die soziale Kluft entstandenen unteren Schichten darzustellen. Mutig, direkt, aber mit viel Wahrheit.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Promesse, La (1996)
Land:
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Dardenne, Jean-Pierre
Dardenne, Luc
Drehbuch:Dardenne, Jean-Pierre
Dardenne, Luc
Produktion:Daldoul, Hassen
Dardenne, Luc
Kamera:Marcoen, Alain
Schnitt:Dozo, Marie-Helene
Musik:Billy, Jean-Marie
M'Punga, Denis
Besetzung:Gourmet, Olivier
Ouedraogo, Assita
Ouedraogo, Rasmane
Renier, Jeremie
 


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