Richard III

«Das wildeste Tier kennt doch des Mitleids Regung... Ich kenne keins und bin daher kein Tier.» Dieses Zitat stammt aus William Shakespears' Theaterstück Richard III, das jetzt in der Aufmachung der «30er Jahre mit faschistischen Zügen» Jahrhunderte überspringt und die Neuzeit zur prophezeiten Tragödie werden lässt.


Wer hat Angst vor William Shakespeare?


Der Krieg ist zu Ende. Das Hause York hat in den Rosenkriegen gegen seinen Erzfeind, das Haus Lancaster, gesiegt. Man gibt sich fröhlichem Treiben hin. Ein Ball wird gegeben, die blutigen Schlachten seien vergessen. Die beste Zeit für ein Intrigenspiel. Physisch missgebildet, machthungrig und von boshafter Intelligenz spinnt Richard of Glouster (Ian McKellen) ein Komplott gegen seinen Bruder Clarence (Nigel Hawthorne) und Edward König des Hauses York (John Wood). So wird Clarence kurzerhand in den Tower abgeführt und kurze Zeit später auf Gloucesters Geheiss hin ermordet. Lady Ann (Kristin Scott-Thomas), die Braut des ebenfalls von Richard ermordeten Prinzen von Lancaster, unterliegt ebenfalls den Fängen des «Krüppels» und wird seine Frau. Auch sie ist nicht mehr als ein Werkzeug für seine Pläne, vor deren Vollendung er zu stehen scheint, als Edward aus Kummer über den Tod von Clarence stirbt. Nun sind weder Königin Elisabeth (Annette Benning) noch ihr Bruder Rivers (Robert Downy jr.) und ihre Söhne vor den gut gewetzten Messern Richards sicher. Dieser hat sich bereits mit einer Vielzahl loyaler Mörder und propagandistischen Politikern umgeben, die ihn auf den Thron geleiten sollen. Doch mit der Aussicht auf die Krone wächst auch die Paranoia.


Sprachgewaltiges beim Spaziergang

Nach mehr als fünfhundert Auftritten auf der Bühne brachte Ian McKellen zusammen mit Richard Loncraine Shakespeares Königsdrama auf die grosse Leinwand. McKellen, für den die Rolle des Richard einer Lebensaufgabe gleicht, hielt sich beim Schreiben des Drehbuchs an die von Richard Eyre inszenierte Bühnenadaption. Eyre verlegte die mittelalterliche Handlung in die dreissiger Jahre, wo aufgemotzte Tafelservices, Pariser Schmuck, wehende Ballkleider und schmalzige Lovesongs die rauhen Sitten von Hellebarden und Holzbechern vergessen lassen und dafür den Meuchelmord in seiner ganzen Hinterlistigkeit offenlegen ­ all das im Gewand faschistischer Intrige. Von Franco bis Stalin verweisen McKellan und Loncraine auf jene Herrschaftshäuser, die während dieser Zeit das Schicksal Europas diktierten. Im Breitwandformat gedreht, versuchte man sich soweit wie möglichvom Theater-Touch zu entfernen. Ständige Wechsel zwischen königlichen Gemächern, «lower-class»-Reihenhäusern und fabrikähnlichen Kerkern, wo die poetischen Monologe fast nebensächlich in die Storyline eingebaut werden (z. B. Clarence bei seinem Spaziergang auf dem Gefängnishof), könnten für diese Geschichte von Betrug, Macht und Mord kaum besser geeignet sein. Mit den Grossen der britischen Bühne besetzt, ist Richard III der Inbegriff einer gelungenen Theateradaption: innovativ, unkonventionell und nur das Wichtigste beinhaltend, fern von der Vorlage und doch so nah.


Ganz ohne geht's manchmal doch nicht

Das gelungene Ergebnis darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass grössere finanzielle Schwierigkeiten den Start der Produktion fortwährend verzögerten. Erst die Zusagen von Annette Benning und Robert Downy jr. hoben die Geldgeber aus der Ungewissheit. Die Annahme, die beiden seien wegen des schnöden Mammons an Bord geholt worden, ist jedoch grundlegend falsch. Als leidende Queen Elizabeth und smarter Dandy Rivers gibt auch das Duo aus den Kolonien eine ovationswürdige Vorstellung. Publikumswirksam eingesetzt erlebt «Old Bill» zur Zeit neben Ausserirdischen seine wohl grösste cineastische Renaissance, die mit der modernen «Gangland»-Variante von Romeo and Juliet, Kenneth Branaghs Vierstunden-Hamlet und Twelfth Night anstelle von bebrilltem, literarischem Pomp farbenfrohe, actionreiche Popularität bietet. Für die Macher von Richard III gilt dies insofern, als sie für ein zeitloses Schauspiel die perfekte Epoche gefunden haben.

Serge Zehnder

Angaben zum Film

Titel:Richard III
Genre:Actionfilm
Bewertung:**** ½
Länge:104 Minuten
Regie:Richard Loncraine
Drehbuch:Ian McKellen, Richard Loncraine (nach der Bühnenadaption von Richard Eyre)
Produktion:Stephen Bayly, Kusa Katselas Paré
Kamera:Peter Biziou
Musik:Trevor Jones
Besetzung:Ian McKellen (The Shadow, ...and the band played on, Restoration, Scandal)
Annette Benning (Bugsy, The Grifters, The American President)
Robert Downy jr. (Chaplin, Less Than Zero, Soapdish)
Kristin Scott-Thomas (The Confessional, Bitter Moon, The English Patient)
Verleih:CineTel


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