Rolling (1997)

Ivano Gagliardo ist cool. Er gehört zu den besten Rollerbladern der Welt und wird von Kindern und Jugendlichen bewundert wie ein kleiner Gott. Doch hinter der coolen Fassade bröckelt es.


von Martin A. Blatter


Lausanne ist so etwas wie das Schweizer Mekka der Rollschuhfahrer. Die sanften Hügel, die breiten Strassen und die geteerte Seepromenade eignen sich hervorragend, um sich auf acht Rädern fortzubewegen. Ivano Gagliardo ist ein Loser. Nach der Lehre als Teppichleger wurde er arbeitslos, seine berufliche Zukunft ist ungewiss. Anerkennung und sein soziales Umfeld findet er in erster Linie in der örtlichen Rollerblader-Szene, wo er mit seinen Skills Erstaunen und Bewunderung auslöst. Verschiedene Fernsehauftritte machen ihn sogar zu einer Art Lokalprominenz. Er beschliesst, die neugewonnene Popularität auszunützen und sein Hobby zum Beruf zu machen.


Trotz aller Probleme hat Ivano den Humor nicht verloren

Inline Skating als Weg zur Selbstverwirklichung

Ivano eröffnet ein Geschäft mit Artikeln für Rollschuhfahrer. Zuerst kann er sich auch nicht über den Zulauf beklagen. Er freut sich und seine Eltern helfen ihm tatkräftig aus. Doch nach einiger Zeit wird er ziemlich brutal mit den Realitäten des kaufmännischen Lebens konfrontiert. Die Lieferanten nehmen ihn nicht ernst, die Steuerbehörden verlangen endlich seine Mehrwertsteuerabrechnungen und aus den in einem Plastiksack für Damenbinden aufbewahrten Quittungen lässt sich nur noch schwierig eine ordentliche Buchhaltung rekonstruieren. Mehr Erfolg ist seinem Inline-Video «Swiss Dressing» beschieden, das er zusammen mit Kollegen in Lausanne und Umgebung gedreht hat. Als auch die Beziehung mit seiner Frau Emanuelle, die ihm viel Halt und ein gewisses Verantwortungsbewusstsein gegeben hat, in die Brüche geht, er seine Wohnung verliert und schliesslich im Auto übernachten muss, ist er wieder gleich weit wie zu Anfang des Films. Mit dem Unterschied, dass er nun 3 Jahre älter ist. Zu alt für eine Karriere als Profi-Rollerblader.


Ivano und Emanuelle

Eine Jugend ohne Ziel

Regisseur und Autor Peter Entell hat mit Rolling einen erstaunlich intimen Dokumentarfilm geschaffen. Ivano Gagliardo steht exemplarisch für einen grossen Teil unserer Jugend, die in den Tag hinein lebt, ohne berufliches Ziel. Er sprüht nur so vor Energie und Initative, schafft es im Gegensatz zu Emanuelle jedoch selten, etwas richtig bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Das Lustprinzip dominiert sein Leben, er lässt sich nicht gerne von Sachzwängen und Regeln seinen Spass verderben. Peter Entells Dokumentation ist spannend wie ein Spielfilm und nachdem man einen so intimen Einblick in Ivanos Leben bekommen hat, wundert man sich am Schluss, wie es Ivano und Emanuelle heute geht. Hoffentlich sind sie zumindest am Erfolg dieses Films beteiligt.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Rolling (1997)
Land:Schweiz
Genre:Dokumentation
Bewertung:
 
Regie:Entell, Peter
Drehbuch:Entell, Peter
Produktion:Sinninger, Alfi
Entell, Peter
Kamera:Cottagnouo, Camille
Schnitt:Goux, Monika
Van der Borght, Eric
Entell, Peter
Musik:Abravanel, Gilles
Crettenano, Benoit
Besetzung:Gagliardo, Ivano
Bigot, Emanuelle
Gagliardo, Assunta
Gagliardo, Renato
Edwards, Chris
 
Länge:90 Minuten
Negativ:Video
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:DTS-Stereo
Prod.-firma:Catpics
CH Verleih: Columbus Film


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