Savrseni krug (1997)

Eindrückliche Widmung an die Bevölkerung des belagerten Sarajevo.


von Lisa Heller


Wer einen düsteren oder brutalen Kriegsfilm über Bosnien erwartet, hat sich getäuscht: der poetische Film handelt vor allem von den Menschen einer belagerten Stadt, die alles (un-) mögliche tun, um der harten Wirklichkeit ein Schnippchen zu schlagen. Ein an seinen Hinterpfoten angeschossener Hund, der kurzerhand zwei Hinterräder verpasst kriegt und fortan hinter seinem Herrchen durch die Strassen rollt? Das, so der Regisseur, war nur im belagerten Sarajevo möglich.

Nach einem Überfall auf ihr Dorf, den sie als einzige überleben, fliehen Adis und der taubstumme Kerim, sieben und neun jährig, in das halb zerstörte Sarajevo. Ihre Suche nach einem Nachtquartier führt sie zufällig in die Wohnung des Dichters Hamza, dessen Frau und Tochter die Stadt verlassen haben. Trotz anfänglichem Hadern bringt es Hamza nicht über sich, die Kinder ihrem Schicksal zu überlassen. Das die Vorgeschichte des Films, in dessen Zentrum die Beziehung dieser Schicksalsfamilie steht, dank der die drei inmitten des permanenten Ausnahmezustands Momente des Lachens, des Traumes und der Geborgenheit erleben. Um die Kinder in Sicherheit zu bringen, organisiert Hamza ihre riskante Reise zu Tante Aicha nach Deutschland. Nur widerwillig lassen sie sich zur Abreise bewegen, während Hamza von Angst und Sorge gequält zurückbleibt, bis er die Ungewissheit nicht mehr aushält.


Erneute Flucht

Überleben in der Poesie

Ademir Kenovic hat das Drehbuch zusammen mit dem Dichter Abdulah Sidran während des Kriegs in Sarajevo geschrieben. Die Figur des Dichters Hamza ist zwar nicht biographisch, steht laut Kenovic aber für eine Art poetisches Konzept, das «einfache Dinge mit aussergewöhnlichen Details» mischt. Für den Film liess das Team den Belagerungszustand nur zwei Monate nach seinem Ende mitten in Sarajevo wieder aufleben: weder UNO-Lastwagen, Schutzwälle aus Autowracks noch dauernde Schussalven und willkürlich losbrechende Granatenangriffe fehlen in dieser hyperrealistischen Nachstellung. Banale Alltäglichkeiten, kleine Details und Gesten nehmen sich vor diesem Hintergrund beinahe seltsamer oder schräger aus als das sich wiederholende surreale Motiv (Hamza als Gehängter) oder die verschiedenen traumhaften Sequenzen (innere Dialoge mit der abwesenden Familie). Diese etwas zu bewussten Kunstgriffe gehen über die Fiktion der filmischen Realität hinaus und lassen sie mit dem Angsttraum, dem Wunschdenken oder einer vor dem Krieg gekannten Normalität zusammenprallen. Hauptsächlich aber gelingt es Kenovic, mit seiner kontrastierenden Sprache eine subtile Spannung zu schaffen, die den andauernde Ausnahmezustand gerade da umso spürbarer macht, wo sich die Menschen inmitten des Alptraums um Normalität bemühen. Dieses erfinderische, fast spielerische aber auch absurde Bemühen erweist sich als mögliche Strategie, um die grausame Realität Stück für Stück zu überleben, ohne völlig zu resignieren ­ aber auch ohne über den Moment hinaus etwas verändern zu können: 'Überlebenskunst' ist hier nur um ein Jota vom Wahnsinn entfernt.


Kindliche Unschuld

«Die Tschetniks haben keine Köpfe»

Trotz der ständigen Präsenz des Krieges ist Savrseni Krug kein Kriegsfilm. Abgesehen vom nüchtern inszenierten Angriff auf das Dorf von Adis und Kerim durch eine Horde Vermummter verzichtet Kenovic weitgehend darauf, den Feind und den Krieg zu zeigen oder explizit zu thematisieren. Für ihn ist gerade «das Fehlen eines Konflikts und eines Feindes» die Geschichte dieses 'Krieges' gegen die Zivilbevölkerung. Nicht von ungefähr stammt daher die einzige Nennung der «Tschetniks» von Adis, dessen bildliche Beschreibung der Angreifer deren sinnloses Verbrechen an unschuldigen Menschen betont. Konsequent überlässt der Film das Thema des Krieges den Kindern, deren Fragen zu einleuchtend sind, als dass es darauf eine Antwort gäbe. Diesbezüglich erinnert Savrseni Krug an den tschechischen Film Kolya: beide vermeiden den 'erwachsenen', allzu ratlosen oder verhärteten Diskurs zugunsten einer kindlichen Unvoreingenommenheit, die nicht nur 'Fronten' zu verwischen vermag, sondern auch an grundsätzliche Werte appellieren soll. Dass die noch wehrlosere Figur des taubstummen Kerim, der weder das Pfeifen und Knallen von Schüssen noch Schreie oder Sirenen hört, die Unschuld in Savrseni Krug einmal mehr unterstreicht, drückt zusätzlich auf die Tränendrüsen, tut dem alles in allem eindrücklichen Film aber nicht gross Abbruch.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Savrseni krug (1997)
Land:Bosnien-Herzegovina
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Kenovic, Ademir
Drehbuch:Kenovic, Ademir
Sidran, Abdulah
Zalica, Pjer
Produktion:Bursztejn, Sylvain
Rotberg, Dana
van Vogelpoel, Peter
Kamera:Uherka, Milenko
Schnitt:Tanovic, Christel
Musik:Arnautalic, Esad
Rihtman, Ranko
Ausstattung:Hrustanovic, Kemal
Kostüme:Dzeba, Sanja
Besetzung:Diklic, Jasna
Lambic, Mirela
Leleta, Almedin
Lohajner-znidaric, Ljubica
Nadarevic, Mustafa
Podgorica, Almir
Pejakovic, Josip
 
Länge:108 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby SR-D
CH Verleih: Xenix Filmdistribution


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