A Simple Plan (1998)

Das Einfache geht nicht über den Titel hinaus.


von Rafael Scholl


Eine liebende Ehefrau, ein guter Job, Nachbarn, die einen respektieren: Das sind die wichtigen Dinge im Leben, wenn man dem Vater von Hank Mitchell (Bill Paxton) Glauben schenken will - und Hank, Ehemann und werdender Vater, Angestellter in einem amerikanischen Kleinort, hat all das erreicht. Gleich zu Beginn von A Simple Plan wird Hanks bescheidene, aber glückliche Welt vorgestellt, und die Absicht des Films ist unmittelbar ersichtlich: Diese Welt soll in Stücke gerissen werden, langsam, sorgfältig, so dass der Zuschauer alles miterleben kann.

Einfach ist die Prämisse in der Tat: Als Hank zusammen mit seinem minderbemittelten Bruder Jacob (Billy Bob Thornton) und dessen Freund Lou (Brent Briscoe) ein verlorenes Lösegeld in der Höhe von vier Millionen Dollar findet, will er im ersten Moment die Polizei verständigen, doch letzten Endes kann er der Versuchung nicht widerstehen; er plant, das Geld mit den beiden anderen zu teilen und sich danach an einem entfernten Ort niederzulassen, wo sein plötzlicher Reichtum nicht auffallen würde. Wer kann Hanks erwartetem Kind ein reiches Elternhaus verdenken? Wäre es verwerflich, wenn Jacob dank dem Geld endlich glücklich würde? Es fällt leicht, nur die eigenen Vorteile zu sehen, wenn die rechtmässigen Besitzer des Geldes gesichtslose Fremde sind - schliesslich sei es ja nicht gestohlen, und niemand erfahre Schaden. Das Gesicht der einzigen Person, die man zu Beginn als Besitzer identifizieren könnte: Geradezu symbolisch wurde es von Raben und der Verwesung verwüstet.


Viel Geld, wenig Intelligenz: Hanks Bruder Jacob (Billy Bob Thornton) und sein Freund Lou (Brent Briscoe) erliegen der Versuchung, ohne viel Böses dabei zu denken.
A Simple Plan stellt die Figuren der Geschichte wiederholt vor recht einfache Fragen, auf die es immer eine moralisch richtige und eine falsche Antwort gibt - selbstverständlich ist die falsche Antwort stets die verlockendere. Die gnadenlos vor sich hin wälzende Handlung des Films zerrt ihre Figuren immer weiter in den Abgrund, was der Zuschauer hautnah miterleben darf, wie in Zeitlupe. Der Film lädt jedoch nicht zu jenem schadenfrohen Zusehen ein, welches dem Publikum die Möglichkeit gäbe, sich selbst auf das hohe Ross zu setzen: Jeder einzelne wird mit den gleichen Fragen konfrontiert wie die Protagonisten und ist sich der Tatsache wohl bewusst, dass die falsche Entscheidung durchaus die lukrativere sein könnte - die meisten Zuschauer wären in einer vergleichbaren Situation wohl ebenso verlockt wie Hank Mitchell, denn dieser ist keineswegs ein unbedachter Tollpatsch. Vielmehr ist er ein integerer, aufrichtiger und auch zu einem Grad gebildeter Mann, der nicht so sehr unter der Last der Versuchung zerbricht, wie er von seinen Mitmenschen gebrochen wird.


Hank (Bill Paxton) fühlt sich seinem Bruder und seiner Familie verpflichtet, und im Grunde will er nur für alle das Beste tun.
Dreidimensionale Charaktere mit klaren Motiven haben einem Film noch nie geschadet, zumal dann, wenn die Darsteller brillieren; so profitiert auch A Simple Plan davon, dass sämtliche Handlungen auf nachvollziehbaren, oft sogar einleuchtenden Überlegungen fussen, die den Figuren entsprechen und von den Darstellern kräftig umgesetzt werden. Die standfesten Figuren sind es auch, die den Film zuverlässig in der Glaubwürdigkeit verankern, während die Handlung im Sturm droht, als Farce zu kentern.

Insgesamt greifen die Zahnräder der Erzählung gut ineinander, und die Charaktere schmieren das Getrieben; es ist wahrlich eine Freude, die Komplikationen in A Simple Plan zu entdecken. Wir erkennen, dass die Figuren falsch handeln, aber wir verstehen ihre Entscheidungen; so werden wir in diese Handlung verwickelt, die sich am besten beschreiben lässt als ein Konglomerat aus einer Tragödie, einem Thriller und, ja, einer dunklen, dunklen Komödie.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:A Simple Plan (1998)
Land:USA
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Sam Raimi
Drehbuch:Scott B. Smith
Produktion:James Jacks
Adam Schroeder
Koproduktion:Michael Polaire
Ausf. Prod.:Mark Gordon (II)
Gary Levinsohn
Kamera:Alar Kivilo
Schnitt:Eric L. Beason
Arthur Coburn
Musik:Danny Elfman
Ausstattung:Patrizia von Brandenstein
Kostüme:Julie Weiss
Besetzung:Becky Ann Baker
Brent Briscoe
Gary Cole
Bridget Fonda
Bill Paxton
Chelcie Ross
Billy Bob Thornton
Jack Walsh
 
Länge:121 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Mutual Film Company
Towa Video, Inc.
Paramount Pictures
Toho Company Ltd.
Savoy Pictures
CH Verleih: Elite Film


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