Strange Days

nach einer Story von James Cameron



Los Angeles, 30. Dezember 1999. Auf den Straßen herrscht der alltägliche Bürgerkrieg. Einige sind verwegen genug, dem neuen Jahrtausend mit etwas Hoffnung entgegenzublicken. Doch den meisten bleibt nichts anderes übrig, als stoisch den Überlebenskampf im Großstadtdschungel fortzusetzen. Auch Lenny Nero (Ralph Fiennes) gehört zu den gehetzten Schattengestalten, denen kaum nach Jahrtausendfeiern zumute ist. Rund um die Uhr ist er unterwegs, um mit Charme, Schlitzohrigkeit und der Mentalität eines fatalistischen Stehaufmännchens seine illegale Ware an den Mann zu bringen: die Clips. Sie sind die visuellen High-Tech-Drogen des ausgehenden Jahrtausends, die ihre Benutzer zu menschlichen Videos machen. Per Clip kann man die Erlebnisse anderer Leute lebensecht, körperlich und mental nachempfinden. Und der Schwarzmarkt verlangt ständig nach realer Sex- und Crime-Ware...

Doch Lennys Deals werden unsanft gestört. Zunächst legt der Mord an dem farbigen Rap-Aktivisten Jeriko-One (Glenn Plummer) die Lunte für weitere, expiosive Unruhen in der Stadt. Und dann wird Lenny ein Clip zugespielt, auf dem der schreckliche Mord an einer Prostituerten zu sehen ist. Könnten die Verbrechen zusammenhängen? Schon möglich - denn in der Halbwelt zwischen Glitzer und Grunge scheint jeder Dreck am Stecken zu haben. Die dynamische Sängerin Faith (Juliette Lewis) etwa, deren verlorener Liebe Lenny noch nachtrauert, obwohl sie längst in den Armen des sinistren Musik-Managers Philo Gant (Michael Wincott) liegt. Oder zwei Amok laufende Cops, die alles daran setzen, einen ominösen, verschollenen Clip aufzuspüren, der schließlich ebenfalls in Lennys Händen landet.

Zwei Menschen gibt es nur, denen er in lebensgefährlichen Nächten und an seltsamen Tagen vertrauen kann: die gefühlvolle wie schlagkräftige Security-Expertin Mace (Angela Bassett) und den zynischen Ex-Cop Max Peltier (Tom Sizemore). Gemeinsam machen sie sich daran, das rätselhafte Puzzle um Killer, Clips und Chaos-Tage zu lösen - und als in der Nacht des 31. Dezember 1999 die größte Party aller Zeiten in vollem Gange ist, müssen sie nicht nur erschüttert feststellen, daß von ihren schwierigen Entscheidungen die nahe Zukunft der gesamten Stadt abhängt, sondern daß die Verwicklungen aller Beteiligten weit komplexer und perfider sind, als sie es je vermutet hätten. Frohes neues Jahr...

Strange Days ist schnell, visuell gewagt und verwirrend. Schuld an diesen drei Punkten ist die interessante Grundidee, die hinter dem Action-Spektakel steht: Menschen können sich die aufgezeichneten Gedanken, Gefühle und visuellen Eindrücke abspielen oder besser gesagt spüren und sehen was andere Menschen erlebt und aufgezeichnet haben - zweifellos die heisseste Technologie der Zukunft. Alles ist möglich: Sex, Sehnsucht, Vergnügen, Liebe, Verbrechen. Um dies filmisch umzusetzen, wurden spezielle, am Kopf zu befestigende Kameras angefertigt, die sozusagen im Kopf des Trägers sitzen und exakt sein Blickfeld wiedergeben. Das ergibt sehr dynamische, häufig minutenlange Szenen, in denen gezeigt wird, was die menschlichen Augen sehen, inklusive aller ruckartigen Bewegungen und Sichthindernissen. Auch die Kulisse für Strange Days, das Los Angeles der Jahrtausendwende wirkt überzeugend: gewalttätig, übervölkert und total "abgefuckt", also ein wenig schlimmer als es heute bereits ist. Der Schwachpunkt des Filmes ist - wieder einmal - die Handlung. Eine typische, nicht gerade sehr fantasievolle Krimihandlung versteckt sich nämlich hinter der inovativen Fassade, schade dass hier nicht mehr aus einer wirklich guten Idee gemacht wurde.

Trotzdem bleibt Strange Days unbedingt sehenswert, nicht zuletzt wegen Details, wie dem perfekt kompilierten Soundtrack. Man hat sich erfolgreich bemüht, Musik auszuwählen, die auch 1995 noch zugänglich klingt, sich aber schon durch gewisse Sound-Qualitäten auszeichnet, die bis 1999 Einzug gehalten haben dürften. Ausserdem wurde der Soundtrack multinational zusammengestellt, ganz der Tatsache folgend, dass die nationalen Grenzen immer mehr verwischen. So nahmen die französischen Deep Forest mit Peter Gabriel "While the Earth Sleeps" auf, der australische Industrial-Komponist Graeme Revell verwendete für den Score Instrumente und Gegenstände aus aller Welt, der Engländer Tricky steuerte sein "Overcome" bei und Juliette Lewis interpretierte überzeugend zwei Song der Kult-Musikerin P.J. Harvey.

Strange Days ist eben ein typischer Cameron-Film, obwohl er hier die Regie an seine Ex-Ehefrau Kathryn Bigelow abgegeben hat, die spätestens seit Point Break (wo Cameron als ausführender Produzent figurierte) einem breiten Publikum bekannt ist. Seine Fans werden begeistert sein.

Daniel Schneider

Angaben zum Film



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