Sunday (1997)

Hoffnung gibt es keine mehr, Lebensfreude auch nicht und eine Zukunft schon erst recht nicht. John Nossitter gibt in seinem am letzten Sundance-Film Festival ausgezeichneten Drama so gut wie keinen Grund zur Freude. Brilliant ist das demoralisierende Kammerspiel aber dennoch.


von Serge Zehnder


New York in grau. Die Wolken halten die Grossstadt wie mit Klauen in ihrem Bann. Eisiger Wind und leergefegte Strassen vermitteln schon fast das Gefühl einer postapokalyptischen Epoche. Ein Sonntag halt eben. Während die berufstätigen Frauen und Männer sich zu entspannen versuchen, gibt es für Oliver (David Suchet) und seine Kumpels aus dem Männerwohnheim nicht den geringsten erholsamen Anhaltspunkt. Mühsam ächzend steht der einstige IBM- Angestellte auf, putzt sich die Zähne in einem heruntergekommenen Klo und bereitet sein armseliges Frühstück zu. Müsli und ein bisschen Milch. Ein kurzes Durchblättern der Stellenangebote in der Zeitung gefolgt von einer Resignation, dass es nichts gibt, was dem trostlosen Dahinvegetieren ein Ende bereiten könnte. Ein kurzer Spaziergang in der verdreckten Luft bringt etwas Abwechslung. Dort auf den Strassen von Brooklyn begegnet Oliver der schon etwas älteren Madeleine (Lisa Harris), die ihn für den berühmten Filmregisseur Matthew Delacorta hält. Unsicher, was er dazu sagen soll, lässt sich Oliver von der ungeahnten Lebendigkeit Lisas mitreissen, schlüpft in die Rolle des berühmten Filmemachers, von dem er noch nie etwas gehört hat, und entschliesst sich, mit ihr einen Kaffee zu trinken, was, wie man zu recht annimmt, nur der Beginn ist.


Vom Glück verlassen: Madeleine (Lisa Harrow) und Oliver (David Suchet).

DIE SITUIERTE GOSSE

«Je deteste le dimanche» («Ich verabscheue den Sonntag») sang schon die französische Chanson-Königin Edith Piaf. Was exakt auf John Nossitters Film zutrifft. Auf einzigartige Weise bringt er uns zwei vollkommen gewöhnliche Figuren näher, die man auf der Strasse nicht mal aus dem Augenwinkel wahrnehmen würde. Sie sind nicht besonders schön aber auch nicht besonders hässlich, es gibt nichts auffallendes an ihnen, und genauso verhält es sich auch in ihrem Leben. Veränderungen oder glückliche Zufälle haben ihr Ablaufdatum überschritten, sie geschehen nicht mehr bei Matthew und Lisa. Na gut, werden sich einige sagen, das ist nichts Ungewöhnliches. Tatsächlich gibt es viele Menschen, die ihr Leben unter sehr kümmerlichen Umständen fristen müssen, ohne jedoch als arm zu gelten oder obdachlos zu sein. Ebensowenig werden sie jemals den Jackpot im Lotto knacken. Man spielt wohl noch mit dem Gedanken, dass die Erlösung eines Tages kommen wird, aber ansonsten wartet man nur auf den Tod. Dieser Gruppe von Gesichtslosen, die sich mit Händen und Füssen gegen den Abgrund wehren, ist Sunday gewidmet. Ein stiller, äusserst entmutigender Film über den Alltag und die bittere Realität, die nicht genug bitter ist, als dass sie von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen würde. Herrvoragend gespielt sind Suchet und Harrow, die Verköperung des Anti-Hollywood-Traumpaars, und mit einem sehr direkten ungeschminkten Stil wirft Nossiter einen Blick auf die gutsituierte Gosse, die nicht so dreckig ist wie die echte, aber der man genausowenig entrinnen kann.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Sunday (1997)
Land:USA
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Jonathan Nossiter
Drehbuch:James Lasdun
Jonathan Nossiter
Produktion:Jed Alpert
Todd Lippiatt
Alix Madigan
Jonathan Nossiter
D.J. Paul
Koproduktion:Amy Hobby
Robert Jiras
Gus Rogerson
Ausf. Prod.:George Pezyos
Kamera:Michael F. Barrow
John Foster (III)
Dan Lerner
Schnitt:Madeleine Gavin (II)
Ausstattung:Deana Sidney
Kostüme:Kathryn Nixon
Besetzung:Arnold Barkus
Joe Grifasi
Jared Harris
Lisa Harrow
Larry Pine
David Suchet
 
Länge:93 Minuten
Prod.-firma:Ocelot Films, Inc.
Goatworks Films
CH Verleih: Alhena Filmverleih


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