The Sweet Hereafter (1997)

«In the sweet hereafter we'll all live together.»


von Thomas Hunziker


Beim tragischen Unfall des Schulbusses kommen fast alle Kinder einer kleinen Ortschaft ums Leben. Ein Rechtsanwalt (Ian Holm) ist sofort zur Stelle und versucht, die Trauer und Wut der Eltern für sich zu nutzen, um sie zu einer Sammelklage gegen die Bushersteller oder die Behörden zu überreden, schliesslich, so erklärt er ihnen glaubhaft, gibt es in der heutigen Zeit keine Unfälle, alles hat einen Grund; entweder wurde bei der Herstellung des Busses ein Fehler begangen oder die Strasse war in einem schlechten Zustand. Langsam entfalten sich die Geschehnisse vor und nach dem Unfall, die Beziehungen der Dorfbewohner werden aufgedeckt und auch das Leben des scheinbar skrupellosen Rechtsanwalts wird immer durchsichtiger. Aus der kollektiven Tragödie schälen sich Einzelschicksale heraus, die durch den Unfall eine Richtungsänderung erfahren, nichts ist und kann mehr so sein wie zuvor.


Geheimnissvolle Vater-Tochter-Beziehung (Tom McCamus, Sarah Polley)

Vermittelter Schmerz

Jeder, der einen ähnlichen Schicksalschlag in der Familie erleben musste, kann nachvollziehen, wie sich das Leben danach verändert. Grundvorstellungen werden ins Wanken gebracht und für die vielen auftachenden Fragen gibt es keine befriedigende Erklärung. Geschickt erzählt der kanadische Regisseur Atom Egoyan (geboren in Kairo) die Geschichte voll Schmerz, Trauer und Wut und konnte sich dabei, wie schon in seinen vorhergehenden Filmen, auf sein Ensemble von brillianten kanadischen Schauspielern verlassen, das für diesen Film noch durch den Charakterdarsteller Ian Holm ergänzt wurde, der hervorragend den Rechtsanwalt verköpert, der selbst nahe am Abgrund steht und sich in einer Welt danach nur schwer zurechtfinden kann. Ebenso herausragend ist Sarah Polley, eines der Opfer, das den Unfall zwar überlebt, danach aber gelähmt ist. Sie ist ein wichtiges Element bei der Bewältigung der Tragödie und der Verarbeitung des Schmerzes der Dorfbevölkerung. Der Roman von Russell Banks basiert auf einer wahren Geschichte, die sich in einer kleinen Stadt nahe der mexikanischen Grenze ereignete. Nach einem Busunglück stürzten sich Rechtsanwälte auf die Bewohner, brachten sie dazu, sich gegenseitig einzuklagen und zerstörten auf diese Weise die Gemeinschaft. Russell Banks erzählt in seinem Roman eine solche Geschichte durch mehrere aufeinanderfolgende Erzähler, eine Form, die für den Film geändert wurde.


Schmerzlicher Verlust (Earl Pastko, Arsinée Khanjian)

Meisterhafte Erzähltechnik

Atom Egoyan wechselt häufig zwischen verschiedenen Zeitebenen, eine Technik, die es ihm ermöglicht, die Geschichte des Unfalls parallel zu derjenigen des Rechtsanwalts voranzutreiben und ausserdem Russell Banks' Roman um Brownings Gedicht The Pied Piper of Hamelin (Der Rattenfänger von Hameln, der die Kinder eines Dorfes entführte, weil die Bewohner des Dorfes sich weigerten, den Rattenfänger für geleistete Dienste zu bezahlen) zu ergänzen und es zum Leitmotiv für seinen Film zu machen. Im Film kommen mehrere Rattenfänger vor, so z.B. die Figur der Sarah Polley, das älteste Kind und Musikerin, die nicht nur die Kinder anführt, sondern zuletzt auch das gesamte Dorf. Ein anderer Rattenfänger ist der Rechtsanwalt, der sich den Dorfbewohnern als Führer präsentiert und in ihrer Trauer seinen Trost sucht. Atom Egoyan erzählt eine packende, zutiefst bewegende Geschichte, die im Gegensatz zu seinen früheren Filmen (The Adjuster, Exotica), die den Zuschauer in fremde, exotische Welten entführten, fest in der Realität verwurzelt ist, einer Realität, mit der jeder eines Tages konfrontiert werden könnte.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:The Sweet Hereafter (1997)
Land:Kanada
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Atom Egoyan
Drehbuch:Atom Egoyan
(nach einer Vorlage von Russell Banks)
Produktion:Sandra Cunningham
Atom Egoyan
Camelia Frieberg
David Webb
Ausf. Prod.:Andras Hamori
Robert Lantos
Kamera:Paul Sarossy
Schnitt:Susan Shipton
Musik:Mychael Danna
Ausstattung:Phillip Barker
Kostüme:Beth Pasternak
Besetzung:Simon Baker
Caerthan Banks
Russell Banks
Maury Chaykin
Allegra Denton
Peter Donaldson
Marc Donato
Devon Finn
Sarah Rosen Fruitman
Bruce Greenwood (I)
David Hemblen
Ian Holm
Brooke Johnson
Arsinée Khanjian
Kirsten Kieferle
Fides Krucker
Tom McCamus
Stephanie Morgenstern
Earl Pastko
Sarah Polley
Gabrielle Rose
Magdalena Sokoloski
Alberta Watson
James D. Watts
 
Länge:110 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
CH Verleih: Frenetic Film


[ Homepage ]
Copyright © 1997 Frenetic Film (Bilder)
Copyright © 1996-1997 CineNet (Text)