Synthetic Pleasures

Zwischen Realität und Traum


Zu diesem Film gibt es auch eine Kurzkritik von Sven Schwyn mit weiteren Bildern und Sound.


In einer Zeit, in der Computer immer mehr Bedeutung im Alltag erlangen, steht uns die Entscheidung offen, uns entweder vermehrt mit der Natur "draussen" zu beschäftigen oder sie uns virtuell nachzubilden. Im Dokumentarfilm Synthetic Pleasures kommen vor allem Menschen zu Wort, die mit der "realen" Natur nicht mehr viel anzufangen wissen. Die Welt ist nicht mehr real, sondern wird nach Bedürfnis konstruiert. Skifahren im Sommer? Japaner tummeln sich im Skianzug auf künstlichen Schneehügeln. Bloss in der Sonne können sie sich nicht bräunen, da das Abfahrtsparadieschen sich (wohl aus thermischen Gründen) in einer Halle befindet. Doch bl eibt es bloss eine Frage der Zeit, bis die Freizeitsportler durch künstliche UV-Strahlen einen gesunden Teint mit nach Hause nehmen.

Sollte die reale Sonne scheinen, bleibt den Japanern auch die Möglichkeit, auf künstlichen Wellen in einem Mini-Ozean zu surfen. In "Ocean Dome" kann nämlich bei Bedarf das Dach geöffnet werden. Die Vorteile, in einem künstlichen Meer zu schwimmen, scheinen offensichtlich: Man muss keine Haie oder Quallen fürchten und wird zudem nicht mit Umweltverschmut zung konfrontiert.


Der Mensch als Gott?

Ausgefeilte technische Mittel erlauben uns, eine neue, optimierte Mikro-Natur zu schaffen. Fasziniert von der Möglichkeit, eine neue Realität zu kreieren, sind die meisten Interviewpartner in Synthetic Pleasures. Nicht nur die Umwelt wird manipulierbar, auch der eigene Körper wird nach Wunsch verändert. Die Französin Orlan sieht sich dann als Kunstwerk, wenn die Nachbildung von Mona Lisas Stirn der Schönheitschirurgin gelingt. Transsexualität wird zum Trend, Piercing zum Selbstausdruc k.

Die Entwurzelung und Verfremdung der Menschen führe sie in eine neue Welt, wo weder Zeit noch Distanz existieren: die künstliche Realität des Cyberspaces. Sollten wir doch in der Realität verweilen, können wir unserer Imagination mit synthetischen Drogen nachhelfen. Der mittlerweilen verstorbene Drogenguru Timothy Leary ist auf dem Laufenden: Ecstasy hat das LSD der 70er Jahre abgelöst.

In einem wahren Bildersturm zeigt Synthetic Pleasures eine Welt, die so faszinierend wie pervers ist. Die Flucht vor der Realität reicht so weit, dass sich Leute in den USA einfrieren lassen. Sie hoffen, die grösste Realität überwinden zu können: den Tod. Werden sie einst in einer Welt erwachen, die nur noch von Computern beherrscht ist, in einer Umgebung, wo es keine reale Berührung mehr gibt sondern jedes Gefühl durch Maschinen oder Drogen im Gehirn erzeugt wird? Mit einem mulmigen Gefühl verlassen die Zuschauer das Kino und freuen sich über die strahlende Sonne.

Flavia Giorgetta

Angaben zum Film

Mehr Infos:
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