Tango (1998)

Vom unbestechlichen Auge der Kamera sprach schon Billy Wilders Filmheld Joe Gittes in «Sunset Boulevard». Dass diese Linse nicht nur unbestechlich sondern auch ein Wunderwerkzeug ist, beweisen Regisseur Carlos Saura und sein Kameramann Vittorio Storaro mit «Tango».


von Serge Zehnder


Die Kunst verlangt teilweise ihren Tribut. Der Verlust der eigenen Seele, der eigenen Achtung oder der persönlichen Gesundheit sind nur ein paar Opfer, die man zuweilen darbringen muss, um etwas Einzigartiges zu kreieren. Für Mario (Miguel Angel Sola), ein Regisseur in den Wechseljahren, der gerade von seiner Frau Laura (Cecilia Narova) verlassen wurde, bietet die Kunst eine Möglichkeit, seinen Schmerz und seine Wut zu verarbeiten. Ein Film über den Tango soll er drehen. Bei der Besetzung der Rollen trifft er Elena (Mia Maestro), eine wunderschöne, vor Grazie strahlende Frau, die Mario sofort in ihren Bann zieht. Perfekt für die Vereinigung von Form und Bild, welche Mario anstrebt, bahnt sich zwischen dem Künstler und seiner Muse eine Liebesbeziehung an, die davon überschattet wird, dass Elena die Freundin des gangsterhaften Produzenten Angelos (Juan Luis Galiardo) ist.


Form und Bewegung absolut vollendet.

DIE SYMBIOSE

Den Gefahren trotzend wird die Affäre zwischen Mario und Elena immer leidenschaftlicher und auch der Film erhält zunehmend emotionale und politische Dimensionen, was den Geldgebern, allen voran Angelo, überhaupt nicht gefällt. Mario versucht indes, seine Vorstellungen zu verteidigen, und scheut keinen Aufwand, um sich von der Realität zu lösen. Dabei muss er um feststellen, dass jede Szene und jede Bewegung des Tangos etwas mit seinem Leben zu tun hat. Die Grazie, das Forsche, das Elegante und das passionierte, die Realität wird zum Film und der Film zum Wunschdenken seines Schöpfers, was sowohl auf Mario wie auch auf Saura zutrifft.


Saura und Storarro erziehlen höchste cinematographische Meisterschaft.

BALSAM FÜR DIE NETZHAUT

Wie ein feines Seidentuch streift Sauras Regie und Storraros Kamera (siehe dazu auch «Apocalypse Now» und «1900») über die Gesichter und die Emotionen der Figuren hinweg. Elegisch, poetisch und absolut obsessiv lebt Tango nur vom Bild und den wunderschönen Menschen, die ihre ganze Körpersprache dazu verwenden, wozu Worte nie im Stande wären, womit er wohl dem am nächsten kommt, was man unter einem einem perfekten Film verstehen könnte: Eine Geschichte nur mit Bildern zu erzählen. Selbstverständlich hat Tango keine Geschichte sondern ist mehr eine Abhandlung Sauras über seine Lebenssituation und was die Zukunft ihm, einem älteren Mann, noch bringen könnte. Wo ist die Liebe, die Leidenschaft und natürlich auch die ganze Erotik geblieben? Gibt es für einen Mann ab einem gewissen Alter wirklich nur noch das Warten auf den Tod, oder schenkt ihm das Leben eine weitere Gabe? Was wie ganz schwerer existenzialistischer Ballast klingt, wird in Sauras Händen zum federleichten Gedankenspiel mit lateinamerikanischer Mentalität, schliesslich spielt der Film auch in Buenos Aires.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Tango (1998)
Land:
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Carlos Saura
Drehbuch:Carlos Saura
Produktion:Alejandro Bellaba
Jose Maria Calleja de la Fuente
Kamera:Vittorio Storaro
Schnitt:Julia Juaniz
Musik:Lalo Schifrin
Ausstattung:Emilio Basaldua
Kostüme:Milena Canonero
Beatriz De Benedetto
Besetzung:Julio Bocca
Juan Carlos Copes
Juan Luis Galiardo
Mia Maestro
Cecilia Narova
Miguel Ángel Sola
 
Länge:105 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby
Prod.-firma:Beco Films
Alma Ata International Pictures
Astrolabio Producciones
Terraplen Producciones
Adela Pictures
Hollywood Partners
Argentina Sono Film
Pandora Cinema
Saura Films
CH Verleih: Elite Film


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