Taxi Lisboa (1996)

Ein Film über den ältesten Taxifahrer der Welt. Ein seichtes Geschichtlein mit dem Anspruch Dokumentarfilm, Spielfilm und Traum gleichzeitig zu sein.


von Sandra Walser


Augusto Macedo ist fast schon 100 Jahre alt und damit wohl der älteste Taxifahrer der Welt. Zweieinhalb Millionen Kilometer hat er in 70 Jahren mit demselben Auto, einem Oldsmobile, zurückgelegt. 1928 hatte Macedo dieses Gefährt eigens aus Amerika nach Lissabon kommen lassen, und weil es so teuer gewesen war, hatte er sich vorgenommen, sein Auto keinen Tag aus den Augen zu lassen. «Mein Vater lebt wie in einem Schneckenhaus. Da hat es nur Platz für ihn und sein Auto», erklärt Macedos Sohn, selbst schon Rentner, im Verlaufe des Films.

Der deutsche Filmemacher Wolf Gaudlitz lernte den Portugiesen 1994 kennen und so entstand ein Drehbuch mit dem Titel Taxi Lisboa, das ein «filmischer Traum» (Gaudlitz) werden sollte. Senhor Augusto Macedo bietet die Grundlage für einen interessanten Dokumentarfilm, könnte man meinen - aber man liegt falsch.



Seichtes Geschichtlein

Taxi Lisboa erhebt den Anspruch, Dokumentarfilm, Spielfilm und Traum gleichzeitig zu sein. Gaudlitz begnügt sich nicht damit, den uralten Taxifahrer und seine Fahrgäste dokumentarisch zu portraitieren, sondern lässt Charaktere auftreten, die dem Film mehr schaden, als dass sie ihn spannend machen. Da ist Wajsberg, ein aus dem Krieg deportierter Jude, Josefina, eine nervige Touristenführerin, Eduardo, ein Schuhputzer aus den Slums, Ana-Teresa, «die Schönheit», Antonio, ein süditalienischer Pizzaiolo und viele mehr. Vor allem die ersten beiden wirken künstlich, den von ihnen gesprochenen Text nimmt man ihnen schlicht nicht ab ­ fast wirkt er aufgezwungen.

Atmosphäre futsch

Der Einzige, der im Film überzeugend wirkt, ist denn auch Macedo selbst. Aber er wird durch all die um ihn herum auftretenden Personen in den Hintergrund gedrängt. Man erwartet gespannt seine Aussagen, seine Wertvorstellungen, seine Lebensphilosophie, doch überall dort, wo's spannend wird, geht der Film einen anderen Weg als den, den wir gerne weiterverfolgen würden. So werden Macedos Erzählungen meist nach wenigen Augenblicken abgebrochen oder es taucht mitten in einem Gespräch zwischen Ana-Teresa und Antonio, einem der wenigen überzeugenden Momente des Films, ein komikartig charakterisierter Jongleur auf ­ und die Atmosphäre ist futsch. Gaudlitz' Absicht, mit Taxi Lisboa einen filmischen Traum aufzuzeigen, scheitert gerade in solchen Momenten.



Ein Traum, der keiner ist

Augusto Macedo habe sich lange geweigert, den Film anschauen zu gehen, erzählt der an der Visionierung anwesende Regisseur; ein leicht verwirrter, nervöser Mensch. Der Taxifahrer wollte eigentlich zur Premiere nach München kommen. Dann aber beschloss er: «Träume zu besitzen ist wunderschön, aber ob die Wirklichkeit traumhaft werden wird, da habe ich meine Bedenken». Erst als Taxi Lisboa in Lissabon lief, ging er hin. Gaudlitz weiter: «Kurz darauf starb er. Ich habe das geahnt.» Er lacht. Und ich nicht mit ihm. Macedo hätte besseres verdient als diesen Traum, der keiner ist.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Taxi Lisboa (1996)
Land:
Genre:Dokumentation
Bewertung:
 
Regie:Gaudlitz, Wolf
Besetzung:Macedo, Augusto
Sousa, Ana Teresa
Ferreira, Vergilio
Lind, Josefina
Rafael, Eduardo
 


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