Terminus Paradis (1998)

«Wir werden zusammen nicht alt ...»


von Gernot Handlbauer


... sagt die Kellnerin Norica dem Schweinehirten Mitou, nachdem sie mit ihm eine Flasche Wodka getrunken und eine Nacht verbracht hat. Sie wird es ihm wieder sagen, gegen Ende des Films, nachdem er vom Militärdienst desertiert ist, ihren Bräutigam umgebracht hat und mit ihr auf einem Güterzug quer durch die rumänische Provinz fährt. Vor dem Hintergrund eines Landes, das unter einer lethargischen Anarchie wie unter einem Leichentuch begraben liegt, schildert Terminus Paradis eine Liebesgeschichte: Aus einem One-Night-Stand, der im Suff begonnen hatte und an den sich beide am nächsten Morgen nicht einmal mehr erinnern können, entwickelt sich fast unmerklich eine tiefe Verbundenheit. Durch die Tatsache, dass Norica schon verlobt ist, scheint die Katastrophe allerdings schon vorprogrammiert.


Feucht-fröhlicher Anfang einer Reise zum Ende des Paradieses
Von Anfang an reden Mitou und Norica vom Heiraten. Erst im nur Spass, aber später wird Mitou einen Priester mit vorgehaltenem Gewehr zwingen, ihn und Norica zu trauen. In dieser Szene spiegelt sich möglicherweise die Quintessenz des Films wider: Dem Gegensatz zwischen einem unendlichen grossen Bedürfnis nach Zuwendung und Nähe auf der einen und einer unendlich trostlosen, von jeder Menschlichkeit verlassenen Realität auf der anderen Seite.

Anders als in Trainspotting verwehrt Drehbuchautor und Regisseur Lucian Pintilie seinen Hauptfiguren aber den Ausweg in Drogen- oder Gewaltexzesse. Freilich ist Mitou gewalttätig, aber nicht aus blinder Zerstörungswut, sondern um seinen Traum zu retten. Und auch Norica gibt letztlich die Flucht in eine Zweckheirat mit ihrem wesentlich älteren, aber relativ wohlhabenden Chef auf. Es ist genau diese Kompromisslosigkeit der beiden, die sie aneinander kettet.


Zwischenhalt: Norica (Dorina Chiriac)
Die Verweigerung bequemer Auswege oder theatralische Höhepunkte verleiht dem Film eine ungeheuerliche poetische Kraft. Dorina Chiriac lässt hinter dem oberflächlichen Ostblock-Girlie eine mutige Frau sichtbar werden, die sich der Vernunftheirat widersetzt. Costel Cascaval's hölzerner Jähzorn bleibt menschlich verständlich und berührend. Terminus Paradis ist ein Meisterwerk der verhaltenen und unbeholfenen Gesten, der archaischen Symbole und der besinnlichen, aber schonungslosen Betrachtung des Zerfalls der rumänischen Gesellschaft.


Terminus Paradis irgendwo in der runänischen Provinz


Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Terminus Paradis (1998)
Land:Frankreich
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Lucian Pintilie
Drehbuch:Radu Aldulescu
Lucian Pintilie
Razvan Popescu
Produktion:Marin Karmitz
Ausf. Prod.:Constantin Popescu
Kamera:Calin Ghibu
Silviu Stavila
Schnitt:Claudine Bouché
Victorita Nae
Kostüme:Catalina Ghibu
Besetzung:Costel Cascaval
Dorina Chiriac
Victor Rebengiuc
Razvan Vasilescu
Gheorghe Visu
Doru Ana
Petrica Gheorghiu
Cornel Scripcaru
Dan Tudor
 
Länge:99 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Mono
Prod.-firma:Le Studio Canal+ [fr]
Fondazione Montecinemaverita [it]
Department Federal des Affaires Etrangeres
La DDC
Le Studio de Creation Cinematographique du Ministere de la Culture
Filmex S.A. [mx]
MK2 Productions [fr]
CH Verleih: Filmcooperative Zürich


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