Titanic Town (1998)

Familien im Krieg


von Serge Zehnder


Die Explosionen kommen immer näher, der Alltag dringt in den eigenen Vorgarten. Die Mutter Bernie McPhelmy (Julie Walters) ist gerade umgezogen, ein neues Haus, eine neue Nachbarschaft, vielleicht sogar ein neues Leben. Doch Belfast anno 1972 bot keinen Lebensraum für etwas Neues oder Normales, und ist auch heute immer noch ein Ort des Terrors und der Gewalt, die nun bald dreissig Jahre andauert. IRA und britische Militärs bekämpfen sich bis aufs Blut, der Guerillakrieg, bei dem niemand weiss, wer nun ein Täter und wer ein Opfer ist, entfacht durch einen Jahrhundertealten Konflikt, bringt Bernie und ihre Familie direkt ins Kreuzfeuer. Wütend auf die Behörden wie auch auf die IRA tritt die Mutter ins Rampenlicht und engagiert sich als Kämpferin für einen „geregelten“ Krieg. Beidseitiger Hass entlädt sich darauf auf die Familie McPhelmy, unter dem besonders die Tochter Annie (Nuala O’Neil) zu leiden hat, die sich ihres Lebens beraubt fühlt. Die Umwälzungen und die Emanzipation, welche sich im Zuge der Sechziger überall zeigen, treiben Annie nur noch weiter von ihrer Familie weg,


Die Familie McPhelmy übt Ausgelassenheit im Terrorgebiet.

FERNSEHMENTALITÄT

Von der BBC mitproduziert, was ein etwas limitiertes Budget voraussetzt, griff Roger Michell, wie schon die irischen Regisseure Neil Jordan ( „The Crying Game“, „Michael Colins“) und Jim Sheridan („My Left Foot“, „The Boxer“) vor ihm, ein nach wie vor aktuelles Thema auf. Der Konflikt zwischen den katholischen und protestantischen Iren, welcher nun schon dreissig Jahre andauert. Basierend auf einer wahren Begebenheit wirft Titanic Town wie schon Terry Georges Drama „Some Mothers Son“ ein Blick auf die Frauen, welche hinter den Kulissen zu leben haben, während die Männer ihren Krieg zwischen Spielplätzen und Schulhäusern austragen. Trotz eines überdurchschnittlichen Casts, bei der besonders die junge Nuala O’Neil in der Rolle aufmüpfigen Tochter den stärksten Eindruck hinterlässt, bleibt der Star des Films Julie Walters hinter ihren Mitstreitern zurück. Affektiert, überladen und oft nicht ernst zu nehmen wirkt sie im Gegensatz zu Helen Mirren‘s Darstellung in „Some Mothers Son“ unglaubwürdig. Dies mag auch an der scheusslich pastelligen Ausstattung oder an der Garderobe liegen, die einem den Eindruck vermittelt, als ob Bernie dauernd bei einem Kaffeekränzchen ist. Die historische Authentizität ist dadurch gewahrt, in dramaturgischer Hinsicht kann der Film allerdings nicht zu vollends zu überzeugen. Atmosphärisch hingegen gelang es Michell mit einigen Momentaufnahmen, das Freiheitsgefühl einer rebellischen Jugend zu evozieren. Ein Gefühl, welches in Belfast Mitte der sechziger Jahre genauso präsent war wie in England oder in den Vereinigten Staaten. Diese Freiheit ging jedoch mit dem Beginn der „Troubles“ (wie der Konflikt understatement-artig in Irland genannt wird) verloren, und ward seither so gut wie nicht mehr gesehen.

Die Ausgangslage von Titanic Town ist nicht neu, hätte aber genug Zündstoff besessen, um ein gefühlsstarkes Drama zu ergeben, bleibt aber letztentlich nur an der Oberfläche, und geht nicht wie das im Titel erwähnte Schiff in die Tiefen des emotionalen Wassers.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Titanic Town (1998)
Land:Grossbritannien
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Roger Michell
Drehbuch:Mary Costello
Anne Devlin
Produktion:George Faber
Sally French
Charles Patterson
Ausf. Prod.:Robert M. Cooper
Rainer Mockert
Kamera:John Daly (II)
Musik:Trevor Jones (I)
Besetzung:Caolan Byrne
Elizabeth Donaghy
Aingeal Grehan
Ciarán Hinds
Barry Loughran
James Loughran
Ciaran McMenamin
Nuala O'Neill
Jaz Pollock
Julie Walters
 
Länge:100 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Prod.-firma:British Broadcasting Corporation (BBC)
British Screen
Arts Council Of Northern Ireland's Lottery Fund
Company Pictures
Pandora Cinema
CH Verleih: Fama Film


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