Todo sobre mi madre (1999)

Die Pfade des Lebens sind meistens extrem versponnen und lassen sich nicht in einem Satz zusammenfassen. So sollten laut Drehbuchkursen und Analysen auch Filme sein. Was heutzutage aber eher die Ausnahme als die Regel ist. Der Spanier Pedro Almodóvar hat sich diese Ausnahme jedoch zur Regel gemacht.


von Serge Zehnder


In warmen Farben taucht er in die Geschichte der Krankenschwester Manuela (Cecilia Roth) ein. Zuständig für Patienten auf der Intensivstation konzentriert sich ihr Alltag auf das Selektieren von möglichen Organspendern. Daneben spielt sie vor Medizinstudenten die Rolle einer Mutter, deren sterbendes Kind als Spender in Frage käme, um die angehenden Ärzte auf mögliche Ereignisse vorzubereiten. Die brutale Ironie des Schicksals will es, dass ihr Sohn Esteban an seinem achtzehnten Geburtstag von einem Auto angefahren wird, und aus dem Spiel plötzlich blutige Realität wird, da Estebans Herz für einen anderen herzkranken Mann in Frage kommt. Aus der alleinstehenden Mutter wird eine alleinstehende Frau, die nach 20 Jahren wieder nach Barcelona, den Ort der Zeugung ihres Kindes, zurückkehrt, um den Vater, Esteban sen., zu suchen.


Mutter und Sohn in einem ihrer letzten Momente.

DIE MELANCHOLIE DES ALTERS

Hört sich diese Struktur wohl etwas konventionell an, so ist sie nur der rote Faden für ein intelligent verwobenes Schauspiel, welches in bester Almódovar-Tradition mit allerlei skurrilen, aber extrem liebenswerten Figuren bevölkert ist. Von Transvestiten über alternde lesbisch veranlagte Bühnen-Diven bis hin zu Nonnen, erstreckt sich die Reise in Manuelas Vergangenheit über ein wundervolles Panoptikum von liebesuchenden Zeitgenossen, die alle auf die eine oder andere Weise mit Manuelas Schicksal verknüpft sind.

Bunt und schrill ist Todo Sobre Mi Madre nur am Rande. Aus dem einstigen Erneuerer der spanischen Film-Moderne ist ein feinfühliger Mann mittleren Alters geworden, der zwar seinen Hang zum Extremen und Pervertierten beibehalten hat, doch diese Themen mit weiser Ruhe und einem grossen Schatz an Erfahrungen behandelt. Erste Anzeichen dafür zeigte vor vier Jahren «La Flor de mi Secreto». Die Hauptdarstellerin aus jenem Film, Marisa Paredes, ist auch hier in der Rolle der Schauspielerin Huma Roja zu sehen. Beide Rollen sind in ihrem Grundton sehr ähnlich. Frauen, welche die Blüte ihrer Jugend schon lange hinter sich gelassen haben, das Leben aber mit all seinen Freuden und Leiden nach wie vor zu geniessen versuchen. Es sind diese Rollen, welche auf einen Stimmungswechsel im Werk Almodóvars hinweisen, und welche in seinem letzten Film «Carne Tremula» trotz der Mitwirkung Anna Magnanis gefehlt haben. Dem Thema von Sex und Leidenschaft schien Almodóvar zuletzt nicht mehr besonders viel abgewinnen zu können. Umso schöner ist seine Auseinandersetzung mit der schmerzhaften Liebe.


Frauen gehören zweifellos in das Oevre Almodóvars...

FRAUEN IM WANDEL DER ZEIT

Es sind die Frauen, diese mysteriösen Wesen, die den wesentlichen Grundstein für Almodóvars Schaffen bilden, was nicht heissen soll, dass sich alle am Rande des Nervenzusammenbruchs befinden. Für Todo Sobre Mi Madre gelang es ihm, vier gleichwertige weibliche Figuren (wovon eine zuvor ein Mann war) zu kreieren, welche alle einen anderen Abschnitt im Leben einer Frau verdeutlichen und dadurch ein herrliches generationenübergreifendes Bild vermittelt. Manuela, die einstige Mutter, Huma, die Schauspielerin, Agrador, der Transvestit, und Rosa, die Nonne, könnten unterschiedlicher nicht sein, doch ihre Wünsche, Hoffnungen und Träume an das Leben und wohl auch an die Männer hat der Spanier mit viel Humor verschmelzen lassen. Ein feminines Bild ohne politischen Feminismus, von einem Mann mit einem ausgeprägten Verständnis für das Weibliche.


...wie auch farbenträchtige Bilder.


Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Todo sobre mi madre (1999)
Land:Spanien
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Pedro Almodóvar
Drehbuch:Pedro Almodóvar
Produktion:Agustín Almodóvar
Kamera:Affonso Beato
Schnitt:José Salcedo (I)
Musik:Alberto Iglesias
Besetzung:Eloy Azorín
Toni Cantó
Penélope Cruz
Antonia San Juan
Marisa Paredes
Candela Peña
Cecilia Roth
Rosa María Sardá
Fernando Fernán Gómez
Cayetana Guillén Cuervo
Fernando Guillén
Carlos Lozano (I)
 
Länge:105 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:El Deseo S.A.
France 2 Cinéma (FR 2)
Via Digital
Renn Productions
CH Verleih: Rialto Film


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