Trainspotting

Choose Life.


Wenn man von Drogensüchtigen spricht, dann denken viele zuerst mal an das Bild der von der Depravation gezeichneten Junkies, die auf dem Letten ein erbärmliches Dasein fristen. Trainspotting, der neueste Film des schottischen Erfolgstrios Danny Boyle (Regie), John Hodge (Drehbuch) und Andrew MacDonald (Produktion), basierend auf dem gleichnamigen Buch von Irwine Welsh, räumt mit diesen Klischees endgültig auf. Die Protagonisten von Trainspotting sind zwar arbeitslos und drogenabhängig und kommen manchmal auch mit illegalen Mittel an ihr Geld, aber ansonsten sind sie recht gut in die Gesellschaft integriert, zumindest solange sie mit ihrem Stoff versorgt sind.

Mark Renton (Ewan McGregor, Shallow Grave) lebt in Edinburgh, Schottland. Mark ist heroinsüchtig. Er verbringt seine Zeit mit seinen Freunden Begbie (Robert Carlyle), einem gewalttätigen Alkoholiker, Spud (Ewen Bremner), einem hoffnugslosen Sugar-Junkie, Sick Boy (Jonny Lee Miller), einem Gelegenheitsuser und Sean Connery-Fan, sowie dem Naturburschen Tommy (Kevin McKidd), der keine Drogen nimmt. Mark ist nicht dumm. Er reflektiert über seine Situation, er baut sich seine eigene Philosophie zusammen. Eines Tages beschliesst er, nicht zum ersten Mal, vom Heroin loszukommen. Er schliesst sich in einen Raum ein, ausgerüstet mit den Notwendigsten, um die Entzugserscheinungen einigermassen in den Griff zu kriegen.

Doch der Pfad, vom Gift herunterzukommen, ist steinig und die guten Vorsätze halten nicht allzu lange. Bald gibt Mark den körperlichen Strapazen nach und macht sich auf den Weg zu seinem Dealer. Doch der kann ihm nur ein paar Opiumzäpfchen anbieten. In der Not frisst der Teufel Fliegen, also drückt sich Mark die Zäpfchen in seinen Hintern, um sie kurz danach auf Schottlands schlimmster Toilette im Durchfall wieder loszuwerden. In seiner Verzweiflung greift er in die von menschlichen Exkrementen überquellende WC-Schüssel, die scheinbar schon lange nicht mehr gespült worden ist, um die Zäpfchen dort wieder herauszufischen...

Der Film wie auch das Buch besteht aus einer Aneinanderreihung solcher Episoden. Manche sind amüsant, manche sind in ihrer naturalistischen Konsequenz fast unerträglich. Doch Regisseur Danny Boyle führt einige dieser Szenen ins Surreale und nimmt ihnen so ein bisschen die Schwere. Der Film verherrlicht und beschönigt nichts, er zeigt aber die Junkies auch nicht in der sonst so beliebten Opferrolle. Drehbuchautor John Hodge versteht es hervorragend, die Essenz aus der durch seine häufigen Wechsel der Erzählperspektive und seine Episodenhaftigkeit nur schwer adaptierbaren literarischen Vorlage zu extrahieren. Er erzählt den Film aus Marks Perspektive, der uns als Identifikationsfigur mittels seiner Kommentare und Einsichten durch die Geschichten begleitet und dadurch die dramaturgische Kohärenz gewährleistet. Trainspotting ist ein wichtiges und realistisches Zeugnis einer Jugend unserer Konsumgesellschaft.

Wer vom Film beeindruckt ist, dem sei das Buch von Irvine Welsh als ergänzende Lektüre ans Herz gelegt. Der Herausgeber der deutschen Uebersetzung hat sich sehr viel Mühe gegeben, den schottischen Slang der Originalausgabe behutsam ins Deutsche zu übertragen. Auch die Soundtrack-CD ist ein Geheimtip. Sie vereint alles was im Brit Pop gegenwärtig Rang und Namen hat, zum Beispiel Blur, Pulp oder Elastica. Doch das mehr als zehn Minuten lange Titelstück von Primal Scream alleine rechtfertigt schon den Kauf.

Martin A. Blatter

Angaben zum Film

Bewertung: *****

Roman
Irwine Welsh, Trainspotting, aus dem Englischen von Peter Torberg,
Verlag Rogner & Bernhard, Hamburg, in der Schweiz erhältlich über
buch 2000, Postfach 89, 8910 Affoltern a/A

Soundtrack
Trainspotting, Music from the Motion Picture, EMI premier, #371902



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