Tregua, La (1996)

Filme gegen das Vergessen des Holocausts kann es eigentlich gar nicht genug geben. Meistens sind diese Filme erschütternde Berichte über das wohl grösste Verbrechen, das je von Menschen an Menschen begangen wurde. Francesco Rosis Adaption von Primo Levis autobiographischem Roman La Tregua ist aufgrund der Thematik aufwühlend, in seiner Machart stellenweise zu plakativ.


von Serge Zehnder


Es sind die letzten Tage des Dritten Reiches. Die Ostfront ist überrannt, und die Rote Armee stösst weiter nach Deutschland vor. Auf ihrem Weg dorthin entdecken sie die Greuel der Konzentrationslager. Die wenigen Überlebenden werden nach besten Möglichkeiten versorgt. Unter ihnen befindet sich auch der italienische Chemiker Primo Levi (John Turturro), der als Bewohner von Mussolinis faschistischem Italien eine Sonderstellung erhält, da die Russen nicht wissen, ob sie ihn als Feind oder Opfer deklarieren sollen.



Lebenswille und Lebenskunst

Nach seiner Befreiung aus Auschwitz beginnt Levis Odyssee, während der er zuerst die Bekanntschaft eines Griechen (Rade Serbedzija) macht, der ihm anbietet, seinen Rucksack zu tragen, um dafür aus dem Inhalt des Gepäcks profitieren zu dürfen. Schätzt Levi diesen Lebenskünstler nicht besonders, hat er für eine gewisse Zeit einen Kompagnon, der ihn halbwegs menschlich behandelt. Schon bald trennen sich die Wege der beiden wieder ­ sie werden sich später nochmals kreuzen ­ und Levi wird wieder in ein KZ gesteckt, das als Übergangslager für die Sowjet-Macht dient. Dort trifft er auf eine Gruppe weiterer Italiener, mit denen er schliesslich seine lange Heimreise nach Italien antritt.



...und wie es weitergeht

Näher bei Lumets The Pawnbroker und weiter weg von Spielbergs Schindlers List schildert «Francesco Rosi» den Weg aus dem Horror zurück in den Alltag. Hat er mit John Turturro einen fantastischen Hauptdarsteller, der diese Odyssee ohne einen hyperemotionalen Ton spielt, fehlt es La Tregua an einer soliden Grundstruktur. Oft wirken Szenen und Dialoge zu plakativ, was sie nicht verlogen macht, aber insgesamt dem Thema nicht gerecht werden. Das Verlangen, nach Hause zu kommen lässt einen Rosi schon sehr früh spüren, nur erfolgt die Wiedervereinigung Levis mit Italien und seiner Famile so spärlich und alltäglich, als wäre er von einer Geschäftsreise zurückgekehrt. Die Entdeckung, dass das Leben selbst nach dem grössten Horror noch lebenswert ist, inszeniert Rosi in einigen wunderschönen Momentaufnahmen. Umso tragischer ist es, dass sich Levi über vierzig Jahre nach seiner Rückkehr nach Italien doch noch das Leben genommen hat. In mehreren Büchern hat er seine Erlebnisse dokumentiert. Rosis Beitrag zum diesjährigen Filmfestival in Cannes tut diesem Werk bestimmt keinen Abbruch, der Mangel der filmischen Umsetzung lässt sich aber dennoch nicht leugnen.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Tregua, La (1996)
Land:
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Rosi, Francesco
Drehbuch:Guerra, Tonino
Levi, Primo
Petraglia, Sandro
Rosi, Francesco
Rulli, Stefano
Produktion:De Laurentiis, Guido
Pescarolo, Leo
Kamera:De Santis, Pasqualino
Pontecorvo, Marco
Schnitt:Mastroianni, Ruggero
Musik:Bacalov, Luis Enriquez
Ausstattung:Crisanti, Andrea
Besetzung:Bisio, Claudio
Celio, Teco
Citran, Roberto
Dionisi, Stefano
Ghini, Massimo
Luotto, Andy
Serbedzija, Rade
Turturro, John
Wagner, Agnieszka
Indovina, Lorenza
 
Länge:125 Minuten
Ton:Dolby SR-D
CH Verleih: Columbus Film


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