U Turn (1997)

Paranoia soll heilbar sein. Bei Oliver Stone weiss man zwar nicht, ob er davon schon kuriert ist, oder ob er aus finanziellen Gründen zum eher bescheidenen Neo Noir «U-Turn» gezwungen wurde. Dick auftragen kann er zumindest immer noch.


von Serge Zehnder


Wirre Bilder mit oft blutiger Note, ein rauchender Wagen und ein entnervter Fahrer. Bobby Cooper (Sean Penn) steckt fest. Sowohl in seinem defekten Automobil wie auch im eigenen Leben. Einst als Tennislehrer und Country-Club-Schönling tätig, ist er jetzt ein verschuldeter «Low-Life», in dessen Kofferraum sich das nötige Geld befindet, mit dem er sich von einer Bande russischer Gangster loskaufen will. Ausgerechnet in dieser mehr als prekären Situation raucht ihm das Gefährt ein paar Meilen ausserhalb des Wüstenkaffs «Superior» ab. Nachdem er seinen Wagen in der Garage des in jeder Hinsicht heruntergekommenen Mechanikers Darrell (Billy Bob Thornton «Sling Blade») abgestellt hat, begibt er sich in das von Sand, Skorpionen und purem amerikanischem «White Trash» besiedelte Dorf.


Femme-Fatale mit Indio-Blut (Jennifer Lopez).

TWIN PEAKS AUF MEXIKANISCH

«Niemand in diesem Städtchen ist ohne Schuld», hiess es einmal in David Lynch's Kult-Serie «Twin Peaks». Ähnliches trifft auch auf «Superior» zu, wo niemand menschlich etwas Besseres wäre, wie der Name vielleicht vermuten lässt. Nichtsahnend stolpert Bobby, verleitet durch seine eigene Überheblichkeit, in ein diabolisches Spiel von Sex, Geld und Macht hinein. Alles was ein Film-Noir so braucht. Die Hauptschuldigen darin sind die Mexikanerin Grace (Jennifer Lopez) und ihr Mann Jake (Nick Nolte), die beide Bobby für ihre Pläne auszunutzen versuchen. Daneben machen ihm auch noch die quiekende Dorfschönheit Jenny (Claire Danes) und ihr Cowboy-Macho-Freund Toby (Joaquin Phoenix) zu schaffen. Und schon bald hat der in Jacket und blauem Flanellhemd gekleidetet Glücksritter genug von der Gesellschaft und will verschwinden. Aber aus «Superior» rauszukommen ist um einiges schwerer als reinzukommen.


Zwei gescheiterte Existenzen (Penn & Voight) teilen sich eine Bank.

STONES DAY TRIPPER

So gefangen wie der Protagonist in John Ridley's Drehbuch, war (oder ist) auch Oliver Stone. Als Aufklärer seiner Generation medienwirksam eingesetzt, versuchte er zu Beginn der 90er Jahre, die mit der MTV-Ära gleichzusetzen sind, zusammen mit seinem Stammkameramann Robert Richardson eine clip-artige Bildersprache zu entwickeln. Damit sagte er sich von seinen früherenn (und meiner Ansicht nach weit besseren) Werken wie «Salvador», «Talk Radio» und «Wall Street» los, um der Jugend von heute didaktisch aufgepeppte wertvolle Geschichtslektionen zu erteilen. Und das, wenn nicht von finanziellem Erfolg, so doch immer von einer medienwirksamen Kontroverse begleitet. U-Turn ist daher im Vergleich zu seinen letzten paar Unterrichtsstunden eine angenehme neue Zielsetzung. Ein einfacher Genrefilm mit präzis gezeichneten Figuren und einem nach wie vor frenetisch halluzinatorischen Stil, der hier im Gegensatz zu «Natural Born Killers», «JFK» und «Nixon» perfekt eingesetzt ist. Der Trip, den er mit «The Doors» begann, hat bei U-Turn zum ersten Mal seine wahre Berechtigung gefunden. Denn die Figuren fernab von politischer Noblesse verschmelzen mit den Bildern und sind trotz der konstanten Hysterie einiges menschlicher als Tarantinos Killerpärchen, welches durch Stones Schnitt-Extravaganzen jegliche Kredibilität verlor. Sowohl «Natural Born Killers» wie U-Turn sind klassische Genrefilme, wobei letzterer obwohl überzeichnet mit einem erstklassigen Titelhelden, den Penn mit seinem Hang fürs Extreme exzellent mimt, wesentlich sympathischer wirkt als die Massenmörder von einst. Überhaupt besticht U-Turn durch eine famose Besetzung, die von Stone an die Pforten der Hölle geschickt wird, und durch die Reizung der Netzhaut den Zuschauer gleich mitzieht. Dass dabei auch recht viel Ballast, wie ein unnötiges Mass an Brutalität mitschwimmt, setzt der simplen, aber schnörkellos erzählten Geschichte einen herben Dämpfer auf. Aber das wird wohl Mr. Olivers ungelöstes Problem bleiben. Insgesamt lohnt sich dieser Besuch an den Arsch der Welt trotzdem, denn wo sonst bekommt so abtrünnig die Gewissheit, dass Amerika das Land der Alpträume ist.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:U Turn (1997)
Land:USA
Genre:Krimi
Bewertung:
 
Regie:Oliver Stone
Drehbuch:John Ridley
Oliver Stone
Produktion:Bill Brown (II)
Dan Halsted
Clayton Townsend
Koproduktion:Richard Rutowski
Ausf. Prod.:John Ridley
Kamera:Robert Richardson (I)
Schnitt:Hank Corwin
Thomas J. Nordberg
Musik:Ennio Morricone
Ausstattung:Victor Kempster
Kostüme:Beatrix Aruna Pasztor
Besetzung:Abraham Benrubi
Powers Boothe
Brent Briscoe
Claire Danes
Jeff Flach
Julie Hagerty
Bo Hopkins
Aida Linares
Jennifer Lopez
Laurie Metcalf
Valeri Nikolayev
Nick Nolte
Sean Penn
Joaquin Phoenix
Sean Stone
Billy Bob Thornton
Annie Tien
Liv Tyler
Jon Voight
Ilia Volokh
Sheri Foster
Richard Rutowski
 
Länge:125 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby SR
Prod.-firma:Clyde Is Hungry Films
Illusion Entertainment Group
Phoenix Pictures
CH Verleih: 20th Century Fox


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