À vendre (1998)

Die Opfer der Unabhängigkeit.


von Serge Zehnder


Die Definition von der Institution «Heirat» wurde schon anno 1944 in George Cukors Klassiker «The Women» abgegeben. Nicht ein heiliger Bund fürs Leben sondern eine klare Prostitution, bei der die Liebe auf die hinteren Plätze verbannt wird, und sich die Frau den finanziellen Spielregeln ihres Gatten unterzuordnen hat. Diese von der Kirche abgesegnete Form einer Familie will Laëtitia Massons Heldin France (Sandrine Kiberlain) nicht eingehen. Am Tage ihrer Hochzeit mit Lindien (Jean-François Stévenin), Besitzer eines Sportstudios, reisst sie aus mit einer halben Million Francs, die sie aus dessen Tresors, gestohlen hat. Lindien, ein Mann mit einer zwielichtigen Umgebung beauftragt seinen Freund Luigi (Sergio Castellitto), France zu suchen, eine Suche, die den den gescheiterten Rechtsanwalt ohne Zukunft quer durch Frankreich schickt, wo er Frances Familie, ihre Freundinnen und besonders ihre Beziehungen zu Männern kennenlernt. Mit jeder Begegnung vervollständigt sich das Puzzle um Frances Charakter und das Rätsel ihres plötzlichen Verschwindens scheint in dem Wunsch zu liegen, niemals von einem Menschen auf irgendeine Art und Weise abhängig zu sein, oder ihm gar etwas zu schulden. France hat sich mit unterschiedlichsten Männern eingelassen und dabei versucht ihre Eigenständigkeit zu bewahren, was sie existentiell oft an den Rand des Zusammenbruchs geführt hat. Während Luigi diese Details über das Objekt seiner Suche erfährt, erkennt er auch seine eigenen Unzulänglichkeiten.


Luigi (Castellitto) auf einer Reise in sich.

SCHUTZ IN DER EINSAMKEIT

In trockenen, teilweise fast dokumentarischen Aufnahmen, ohne jegliche Verzerrung verfasste Masson nach ihrem auf Festivals und von der Kritik anerkannten Erstling «En Avoir où Pas» mit A Vendre ein vielschichtiges Porträt einer Frau, deren Wille zur Unabhängigkeit sie an den Rand ihrer Existenz führt. Von allen Beziehungen, die France im Verlauf ihres Lebens knüpft, wird sie von allen enttäuscht, was in ihr ein selbstzerstörerisches Weltbild erzeugt, von dem sie nicht loszukommen scheint. So sehr sie sich in der Liebe verliert, so kaltschnäuzig und abgeklärt löst sie sich stets wieder von allzu intimen Situationen, wo sie anderen Menschen ihr Leben anvertrauen könnte. Sandrine Kiberlain, welche schon bei «En Avoir Où Pas» die Hauptrolle spielte, läuft hier zur Höchstform auf und gibt sich dem Seelenstrip ihrer Figur hin. Derweil ist Castellitto in der Rolle des Suchenden zuweilen ein bisschen gar konstruiert geraten. Dies liegt daran, dass wir durch ihn die Geschichte sehen und Masson dem Erzähler neben seiner Aufgabe als Gallionsfigur der Story auch noch eine tiefschürfendes Charakterkorsett verlieht. Dies ist nicht ganz einfach, und auch der Punkt an dem Masson letztendlich scheitert. Castellittos vermag es dennoch, durch seine Leistung ein enormes Potential an Mitgefühl zu erwecken.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:À vendre (1998)
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Laetitia Masson
Drehbuch:Laetitia Masson
Kamera:Antoine Héberle
Schnitt:Aïlo Auguste-Judith
Musik:Siegfried (I)
Ausstattung:Andre de Moleron
Besetzung:Sergio Castellitto
Aurore Clément
Sandrine Kiberlain
Chiara Mastroianni
Mireille Perrier
Jean-François Stévenin
Roschdy Zem
 
Länge:100 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Cuel Lavalette Productions
CH Verleih: Filmcooperative Zürich


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