La Vita è bella (1997)

Wie kann man im faschistischen Italien Ende der 30er Jahre leben, ohne an seinem ganz privaten Zukunftsglück zu zweifeln?


von Marc Mair-Noack


Guido (Roberto Benigni) kann es, und zwar mit einer anfangs verwirrenden Mischung aus Heiterkeit, kindlicher Unschuld, Romantik und konsequenter Ignoranz gegenüber den bedrohlichen Botschaften der Politiker. Zusammen mit seinem Freund Ferruccio (Sergio Bustric) macht er sich auf in die Stadt Arezzo, um dort sein Glück zu versuchen. Durch Zufall fällt er der hübschen, jungen Lehrerin Dora (Nicoletta Braschi) in die Arme, und weil sich die zufälligen Begegnungen häufen und Dora von diesem Lebenskünstler fasziniert ist, steht einer netten romantischen Komödie nichts mehr im Wege. Dass Dora bereits mit einem faschistischen Beamten verlobt ist, stört den inzwischen zum Kellner ausgebildeten Guido wenig, in einer bizarren Szene entführt dieser seine grosse Liebe, auf einem grell-grünen Pferd reitend, direkt aus ihrer Verlobungsfeier.


Aussergewöhnliche Momente würzen die Liebesgeschichte

Zwei Filme in einem

Würde der Film hier enden, hätte der Zuschauer eine in sich geschlossene sommerliche Komödie hinter sich, voller Humor und erfrischender clownesker Phantasie. Doch er endet nicht, sondern macht einen eleganten Zeitsprung in die letzten Monate des Krieges und damit in den so anderen 2. Teil der Handlung. Guido und Dora sind glücklich verheiratet, haben einen eigenen Buchladen und einen kleinen Sohn, Giosuè (Giorgio Cantarini). Doch die politische Umgebung hat sich verändert, so dass sie auch Guido nicht mehr ignorieren kann, denn Guido ist Jude. Was sich zuvor noch in absurden Einstellungen leise bemerkbar machte - auf dem Pferd von Guidos Onkel steht bunt «Achtung, jüdisches Pferd» - wird nun zum offensichtlichen Problem: Guido wird samt Sohn und Onkel ins nächste Konzentrationslager gebracht, Dora folgt ihnen freiwillig nach. Damit ist die Komödie endgültig keine mehr. Guidos Versuche, sein Kind davon zu überzeugen, dass das Lagerleben nur ein Spiel ist, an dessen Ende es einen Panzer zu gewinnen gibt, wirken bitter und tragisch. Doch er kämpft darum, seinem Sohn die Schrecken des KZ's vorzuenthalten, damit dieser seinen Glauben an die Schönheit des Lebens nicht verliert. Es wirkt grotesk, wenn Guido, als freiwilliger Dolmetscher des deutschen Kommandanten, die Instruktionen und Strafandrohungen bei der Einlieferung dem gesamten Lager als lustige Spielregeln übersetzt. Dabei werden die Wächter zu uniformierten Schiedsrichtern und die Zwangsarbeit zur Chance, Bonuspunkte zu sammeln. Wer zuerst 1000 Punkte auf seinem Konto hat, gewinnt. Das sinnlose Verhalten der Nazis als Spiel mit Regeln zu erklären wird zunehmend schwieriger, doch Guido bleibt keine andere Wahl, denn die Möglichkeit zur Flucht besteht nicht. Zwar ist der KZ-Arzt ein alter Freund Guidos, doch der, eindrucksvoll verkörpert von Horst Buchholz («Die Halbstarken», «The Magnificent Seven») hat sich im Krieg zum psychischen Wrack gewandelt.


Wie erkläre ich meinem Sohn das Leben?

Mit Preisen überhäuft

Roberto Benignis sechste Filmregie löste im Vorfeld höchste Skepsis aus. Kann das Thema Faschismus von einem solchen waschechten Komiker stilvoll verarbeitet werden, ohne dass das Resultat zu einem geschmacklosen Ulk verkommt? Es kann, weil es Benigni versteht, im rechten Augenblick den Klamauk zurückzunehmen. Dabei fällt die deutliche Zweiteilung des Filmes nicht unbedingt negativ auf, die KZ-Sequenzen wirken nach dem erfrischenden Vorspiel um so ergreifender, ohne dass sie dabei die Lebensfreude und den Optimismus der ersten Filmhälfte aufgeben. Beim Publikum kam «La Vita È Bella» bisher sehr gut an. Zahlreiche Preise im Heimatland und dazu noch den «Grossen Preis der Jury» in Cannes sowie den «Leoparden in Gold» in Locarno für den «grössten Publikumserfolg aller Zeiten» sprechen für sich, doch besonders die Auszeichnungen beim Filmfestival in Jerusalem wie der Preis «für besonderes Geschichtliches Verständnis» bedeuten Roberto Benigni einiges, der viel Zeit investiert hatte, mit Überlebenden des Holocaust zu sprechen, Bücher zu lesen und sich Dutzende von persönlichen Berichten anzuhören.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:La Vita è bella (1997)
Land:Italien
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Roberto Benigni
Drehbuch:Roberto Benigni
Vincenco Cerami
Produktion:Gianluigi Braschi
Elda Ferri
Ausf. Prod.:Mario Cotone
Kamera:Tonino Delli Colli
Schnitt:Simona Paggi
Musik:Nicola Piovani
Ausstattung:Danilo Donati
Kostüme:Danilo Donati
Besetzung:Roberto Benigni
Nicoletta Braschi
Giustino Durano
Sergio Bini Bustric
Marisa Paredes
Horst Buchholz
Lidia Alfonsi
Giuliana Lojodice
Giorgio Cantarini
Amerigo Fontani
Pietro De Silva
Francesco Guzzo
Raffaella Lebboroni
 
Länge:122 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Melampo Cinematografica
CH Verleih: Elite Film


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