Voleurs, Les (1996)

Setzt sich ein Regisseur mit den Themen Liebe, Beziehung, Verpflichtung und ihren Gesetzen auseinander, kann daraus wie so oft ein peinliches Herumgemenscheln oder ein aufrichtiges Drama werden. Bei André Téchinés «Les Voleurs» ist (ausnahmsweise) letzteres der Fall.


von Serge Zehnder


In grossen Buchstaben kündigt sich der «Prolog» von Les Voleurs an. Ein Toter wird mitten in der Nacht in ein Haus in den Bergen gebracht. Über die Ursachen, die zum Tod von Ivan (Didier Bezace) geführt haben, ist nichts bekannt. Kommentiert vom kleinen Justin (Julien Rivière) erhält man einen ersten Einblick in die Familienverhältnisse des Verstorbenen. Ivans Bruder Alex (Daniel Auteuil) trifft am folgenden Tag in dem abgeschiedenen Ort ein, um die zerrütteten familiären Verhältnisse abzuklären.



Ist der «Prolog» abgeschlossen, macht uns Téchiné mit den Ereignissen vor dem Tod Ivans bekannt. Alex, der beim Raubdezernat arbeitet, gilt als das schwarze Schaf der Familie. Seit sein Bruder Ivan streng nach dem Vorbild seines Vaters Victor (Ivan Desny) die Laufbahn eines Gentleman-Verbrechers eingeschlagen hat, steht Alex im Abseits. Immer darum bemüht, eine sichere Distanz und genug Zynismus zu bewahren, wirft ihn die Begegnung mit der jungen Diebin Juliette (Laurence Côte) direkt in die Höhle des Löwen. Da Juliettes Bekanntschaften neben einer Affäre mit der Philosophie-Dozentin Marie (Catherine Deneuve) auch in Ivans In-Bar führt, sieht sich Alex ungewollt mit den Machenschaften seines entfremdeten Bruders konfrontiert. Getrieben von der Vorstellung Juliette zu retten, lässt sich Alex auf ein sexuelles Abenteuer mit der Querulantin ein. Kaum miteinander bekannt, kristallisiert sich zwischen dem Bullen und der Professorin eine Verbundenheit heraus, die sowohl von Sympathie als auch Verachtung geprägt ist.



Adaption eines Drehbuches

Als würde es sich um ein gutes Buch handeln, versteht André Téchiné Literatur auf Zelluloid zu bannen. Sprachlich faszinierend und kompakt setzt Téchiné bei jedem neuen Kapitel auf einen anderen Erzähler, sei es Auteuil, Deneuve oder der kleine Justin Rivière, der mit ruhiger, schon fast sachlich-erwachsener Miene den Mann im Kinde spielt. Jeder dieser perfekt besetzten Schauspieler übernimmt für ein paar Momente die Oberhand und lässt den Zuschauer seine Sicht der Welt spüren.

Geben und Nehmen

Anhand dieser verschiedenen Anschauungen löst sich Les Voleurs immer mehr aus der Subjektivität und es entsteht ein facettenreiches Ganzes, in dem der Diebstahl von Gegenständen genauso eine Rolle spielt wie der Diebstahl von Gefühlen. Gegeben wird von Marie, die auf der Suche nach Liebe und verlorener Zeit zur Sammelstelle von Juliettes jungem Esprit und Alex' Kälte wird. Hervorgerufen durch dieses Ungleichgewicht gerät die Dreiecksbeziehung ins Wanken. Hier zeigt sich Téchinés Gespür für dramatische Dichte, die auf den ersten Blick unglaublich nüchtern banal wirkt, dafür aber eine grosse Nachhaltigkeit besitzt.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Voleurs, Les (1996)
Land:Frankreich
Genre:Liebesfilm
Bewertung:
 
Regie:Téchiné, André
Drehbuch:Alexandre, Michel
Bonitzer, Pascal
Taurand, Gilles
Téchiné, André
Produktion:Albert, Jean-Jacques
Sarde, Alain
Kamera:Lapoirie, Jeanne
Schnitt:Giordano, Martine
Musik:Sarde, Philippe
Ausstattung:Branco, Z
Kostüme:Tavernier, Elisabeth
Besetzung:Auteuil, Daniel
Babe, Fabienne
Bendidi, Naguime
Betoule, Régis
Bezace, Didier
Desny, Ivan
Mastroianni, Chiara
Perez, Pierre
Raymond, Didier
Rivière, Julien
 
Länge:117 Minuten
Prod.-firma:Canal+ Productions
Centre national de la cinématographie (CNC)
D.A. Films
Les Films Alain Sarde
Rhone-Alpes Cinéma
Studio Images
TF1 Films Productions (France)


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