Washington Square (1997)

Henry James' Klassiker differenziert verfilmt.


von Sandra Walser


Der Film beginnt mit einer stilistischen Sonderleistung, in der die Kamera eine akrobatische Wahnsinnsfahrt unternimmt: durch New Yorks Strassen schwebt sie in ein Haus. Dort filmt sie liebevoll-neugierig jede Ecke ab, bis die sanften Bewegungen durch einen Schrei gebrochen werden. Ruckartig schwenkt die Kamera zu einer Treppe, stürmt hinauf ins Schlafzimmer, wo eine junge Frau blutüberströmt im Bett liegt. Tot. Irgendwo schreit ein Neugeborenes, um das sich aber niemand kümmern mag. Mehr als zwanzig Jahre vergehen, bis man diesem Kind schliesslich an den Kopf wirft, was es sein ganzes Leben lang bloss vermutet hat: «Wie obszön, dass deine Mutter die Erde verlassen musste, damit du Platz hast.»

AUFLEHNEN

Genau so wenig geduldet wie Catherine Sloper, eine - zumindest scheinbar - etwas dümmliche und unbeholfene Arzttochter (Jennifer Jason Leigh), ist auch ihr charmanter, aber armer Verlobter Morris Townsend (Ben Chaplin). Die Beziehung wird von Catherines überbe-sorgten Vater nur solange geduldet, bis das Paar heiraten will - dann steht der Erzkonservative Kopf. Basierend auf Henry James' Klassiker «Washington Square» zeigt Regisseurin Agnieszka Holland enorm differenziert auf, wie sehr Catherine sich hin- und hergerissen sieht zwischen den engstirnigen Lebensansichten ihres Vaters und ihren eigenen Wünschen. Wünsche, die sie als Frau des 19. Jahrhunderts eigentlich gar nicht haben dürfte, weil «es sich nicht ziemt», weil sie ohne jegliche Kompetenzen dasteht und weil von ihr verlangt wird, nett lächelnd dem Heiratsantrag eines möglichst reichen Mannes stattzugeben.


Eine nicht andauernde Zweisamkeit zwische Leigh und Chaplin.

BITTERBÖSE

Indem sich Catherine allmählich gegen ihren Vater auflehnt und ihren eigenen Willen zu leben beginnt, mausert sie sich zur stärksten Figur des Films. Mit dieser persönlichen Entwicklung geht schliesslich auch die interessanteste, filmische Veränderung einher: Die zu Beginn fast klaustrophobische Sichtweise wird immer offener und mündet schliesslich in eine bittersüsse Auseinandersetzung mit dem Geschlechterkampf. Und wenn Catherine in diesem Umfeld im entscheidenden, aber nicht unbedingt endgültigen, Moment sagt: «Ich bin die Tochter meines Vaters», dann herrscht im Kino diese seltene, beklemmende Stille.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Washington Square (1997)
Land:USA
Genre:Liebesfilm
Bewertung:
 
Regie:Agnieszka Holland
Drehbuch:Henry James
Carol Doyle
Produktion:Julie Bergman Sender
Roger Birnbaum
Chrisann Verges
Ausf. Prod.:Randy Ostrow
Kamera:Jerzy Zielinski
Schnitt:David Siegel (I)
Musik:Jan A.P. Kaczmarek
Ausstattung:Allan Starski
Kostüme:Anna B. Sheppard
Besetzung:Eva Jean Berg
Betsy Brantley
Ben Chaplin
Nancy Daly
Albert Finney
Jennifer Garner
David Hildebrand
Lauren Hulsey
Judith Ivey
Scott Jaeck
Peter Klaus
Arthur Laupus
Jennifer Jason Leigh
Jack Lilley
Peter Maloney (I)
Sara Constance Marshall
Loretto McNally
Marissa Anna Muro
Rachel Osborne
Janet Paparazzo
Sara Ruzicka
Rachel Layne Sacrey
Maggie Smith
Robert Stanton (II)
James J. Waltz
 
Länge:115 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Walt Disney Productions
Caravan Pictures
Alchemy Filmworks
Hollywood Pictures
CH Verleih: Focus Film


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