Welcome To Sarajevo (1997)

Nach so unterschiedlichen Filmen wie dem auf Thomas Hardys Roman basierendem «Jude» und dem liebevollen Porträt eines serienmordenden Lesbenpaars in «Butterfly Kiss», adaptiert Michael Winterbottom nun die autobiografische Geschichte des Kriegreporters Michael Nicholson.


von Flavia Giorgetta


Im belagerten Sarajewo der frühen 90er Jahre treffen sich Journalisten aus Amerika und Grossbritannien, die gemeinsam im weitgehend zerbombten Hotel Holiday Inn wohnen. Täglich jagen sie den Toten nach, um verwertbares Material aufnehmen zu können. In der Hatz nach Sensationen glaubt niemand mehr an die eigene Menschlichkeit; so wird zum Beispiel Flynn (ein zwischen Zynismus und wahrer Anteilnahme spielender Woody Harrelson) vor allem Geltungssucht vorgeworfen, als er sich in Lebensgefahr begibt, um einen angeschossenen Mann zu versorgen. Als der Engländer Henderson (Stephen Dillane) einen Bericht über ein Waisenhaus filmt, betrifft ihn das Schicksal der Kinder dermassen, dass er laut seinen Kollegen die Aufklärung in eine Kampagne ausarten lässt. Auch persönlich wird er verwickelt als er dem vermeintlichen Waisenmädchen Emira (Emira Nusevic) verspricht, sie aus Sarajewo wegzubringen. So schmuggelt er sie schliesslich nach London, erfährt von der Existenz von Emiras Mutter und kehrt nochmals nach Bosnien zurück, um ein Adoptionsverfahren einleiten zu können.

Fehlende Diskussion über die Medienrolle

Winterbottoms Film mäandriert zwischen persönlichem Drama und einer angedeuteten Kritik an Kriegsberichterstattungen. Nur angedeutet deshalb, weil keine Konsequenz spürbar wird. Einerseits wird die tägliche Hatz nach Blut und Tränen verdeutlicht, anderseits werden ebendiese Bilder der Gewalt gezeigt. Wir vermissen die Folgerichtigkeit eines Haneke, der in seinen Filmen die Mediengeilheit nach Brutalem ausleuchtet, ohne selbst physische Grausamkeit zu zeigen. Der Ansatz zur Diskussion lässt sich in Welcome to Sarajevo freilich finden. So scheinen alle Reporter die Berichte täglich ins Fernsehen schleusen zu wollen, um die Menschheit aufzuklären und nicht, um sich selbst zu profilieren. Genau dort müsste eigentlich die Frage auftauchen, wie man Anteilnahme bewirken kann. Sind immer schlimmere Bilder nötig um aufzurütteln, oder bewirken diese bloss eine Abhärtung der Fernsehzuschauer? Tatsächlich hatten viele von uns den Überblick über den Balkankrieg verloren, und es ist notwendig, über die Rolle der Medien und ihre Möglichkeiten zu debattieren. Winterbottom lässt jedoch Fragen offen, die er gar nicht bewusst gestellt zu haben scheint. Er kann sich zwischen persönlichem Drama und einer ­ unbedingt nötigen ­ eher theoretischen Annäherung nicht entscheiden.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Welcome To Sarajevo (1997)
Land:Grossbritannien
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Michael Winterbottom
Drehbuch:Michael Nicholson
Frank Cottrell Boyce
Produktion:Graham Broadbeat
Damian Jones
Paul Sarony
Kamera:Daf Hobson
Schnitt:Trevor Waite (I)
Musik:Adrian Johnston
Ausstattung:Mark Geraghty
Kostüme:Janty Yates
Besetzung:Juliet Aubrey
Stephen Dillane
Igor Dzambazov
Kerry Fox
Gordana Gadzic
Woody Harrelson
Davor Janjic
Emily Lloyd
James Nesbitt
Emira Nusevic
Vesna Orel
Drazen Sivak
Marisa Tomei
Goran Visnjic
Cesar Adi
Petre Arsovski
Senad Basic
Dijana Bolanca
Paige Brogan-Smith
Izudina Brutus
Sanja Buric
Frank Dillane
Pejdah Dzevad
Ines Fancovic
Ines Hadzovic
Brankica Jankoska
Vladimir Jokanovic
Peter Kelly (I)
Nikolina Kujaca
Nino Levi
Dragan Marinkovic
Labina Mitevska
Goran Momiroski
Viktorija Peceva
Milan Plistina
Joana Popovska
Natali Rajcinovska
Berina Salijevic
Haris Sarvan
Haris Secic
Kerry Shale
Majda Tusar
Miralem Zubcevic
 
Länge:101 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Dragon Pictures
Channel Four Films
Miramax Films
CH Verleih: Monopole Pathé Films


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