When We Were Kings (1996)

In den 70er Jahren schlugen sich die Leute für ihn die Nächte um die Ohren. Wenn Muhammad Ali kämpfte, klebten alle vor dem Fernseher. Diese Zeit lebt jetzt wieder auf, in «When We Were Kings».


von Thomas Lüthi


Der amerikanische Dokumentarfilmer Leon Gast reiste im September 1974 nach Zaire (heute Republik Kongo), wo der Weltmeisterkampf im Schwergewicht zwischen Muhammad Ali und George Foreman stattfinden sollte. Gast zog es eigentlich nicht wegen einem Boxmatch nach Afrika, sondern weil er einen Film über das Musikfestival im Rahmenprogramm drehen wollte. Aber vier Tage vor dem Kampf, dem «Rumble in the Jungle», verletzte sich George Foreman an der Augenbraue: Der Match musste um sechs Wochen verschoben werden. Diese Zeit nützte Gast, um Tausende von Metern Film abzudrehen. Er begleitete Ali zu seinen Pressekonferenzen, den Reisen durchs Land, zeigte ihn im Training und bei Begegnungen mit der Bevölkerung. Erst im November traten die beiden Boxer gegeneinander an. Der hochfavorisierte Foreman, nach Expertenmeinung der härteste Schläger aller Zeiten, ging in der 8. Runde zu Boden: Muhammad Ali hatte sich den Weltmeistertitel wieder zurückgeholt. Der Filmer Gast kehrte mit 100'000 Metern Film in die USA zurück, völlig pleite. Erst nach einer über 20 Jahre währenden Odyssee, die für sich wohl schon eine Dokumentation wert wäre, konnte When We Were Kings fertiggestellt werden. Im Beisein des an Parkinson erkrankten Muhammad Ali und George Foreman nahm Leon Gast im März 1997 den Oscar für den besten Dokumentarfilm entgegen.


Der «Rumble in the Jungle» in Kinshasa

Wrack und Charisma

«Er het e grossi Schnörre», pflegten die Erwachsenen damals über Muhammad Ali zu sagen, was uns Primarschüler aber nicht davon abhielt, sein Bildchen neben dasjenige von Bernhard Russi und Clay Regazzoni zu kleben und jedem seiner Gegner (speziell diesen Joe Frasier) einen baldigen Flug auf die Bretter zu wünschen. Welch ein Kontrast: 20 Jahre später, die zitternde Ikone bei der Eröffnungszeremonie in Atlanta, von Journalisten mit nervösen Fingern vorschnell als Wrack abgebucht. Jüngere Generationen kennen nur diesen Ali. Ihr Eindruck wird nun korrigiert und die über Dreissigjährigen dürfen noch mal wehmütig werden, dank dem atmosphärisch dichten Bilderbogen When We Were Kings.


Ali mit James Brown

Poesie und eine Spur Geschwätzigkeit

Die unkommentierten Bilder sorgen für die faszinierendsten Momente dieses Dokumentarfilms. Der aus dem Stegreif dichtende Ali etwa ­ pure Augenblicke der Poesie ­, oder eine ekstatische Miriam Makeba. Doch der ursprünglich geplante Konzertfilm ist leider nur noch in Einsprengseln vorhanden, und Gast beschränkt sich nicht auf die Position des zurückhaltenden Beobachters; er hat sein Werk über weite Strecken mit Kommentaren versehen: Der Regisseur Spike Lee und die Schriftsteller George Plimpton und Norman Mailer drücken dem Film ihren Stempel auf. Plimpton und Lee halten sich in ihren Voten zurück, was von Mailer, der dominierendsten Stimme des Filmes, nicht behauptet werden kann. Das Ergebnis ist zwiespältig: Seinen besten Moment hat Norman Mailer in einer klugen Analyse des Boxkampfes zwischen Ali und Foreman, in der er dem Laien (zu denen sich auch der Schreibende zählt) taktische Finten erläutert. Aber Gast setzt den Schriftsteller nicht nur zu diesem Zweck ein. Bilder, die sich selber erklären, lässt er von Mailer nochmals beschreiben: Der unabhängig produzierte Film greift hier auf die abgegriffene Hollywood-Dramaturgie des Winkes mit dem Telephonmast zurück. Die Folge ist nicht Transparenz, sondern der Eindruck von Geschwätzigkeit. Eine Empfehlung: Sobald Mailer ertönt, Ohren verstopfen. So wird When We Were Kings zum ungebrochenen Genuss.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:When We Were Kings (1996)
Land:USA
Genre:Dokumentation
 
Regie:Gast, Leon
Produktion:Gast, Leon
Hackford, Taylor
Koproduktion:Jayanti, Vikram
Robinson, Keith
Ausf. Prod.:Sonenberg, David
Kamera:Alberti, Maryse
Goldsmith, Paul
Keating, Kevin (II)
Maysles, Albert
Young, Roderick
Schnitt:Gast, Leon
Hackford, Taylor
Levy-Hinte, Jeffrey
Robinson, Keith
Besetzung:Ali, Muhammad
Bowens, Malick
Brown, James (I)
Felder, Wilton
Foreman, George
Hauser, Thomas
Henderson, Wayne
Hooper, Stix
King, B.B.
King, Don
Lee, Spike
Mailer, Norman
Makeba, Miriam
Plimpton, George
Price, Lloyd (II)
Sample, Joe
Seko, Mobutu Sese
 
Prod.-firma:DAS Films Ltd.
David Sonenberg Production
PolyGram
CH Verleih: Filmcooperative Zürich


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