Wilde (1997)

Zuerst gefeiert, dann verachtet. Oscar Wilde, Schriftsteller, Dandy, Familienvater und Homosexueller. Brian Gilbert inszenierte eine hochachtungsvolle wie ironische Biographie.


von Serge Zehnder


Ein Ire in Englands Upper-Class. Oscar Wilde (Stephen Fry) kehrt nach einer Stippvisite in Amerika auf die Insel zurück, wo er beabsichtigt, seiner Schreiberei und einem geregelten Familienleben nachzugehen. Erfolg wie Kinder lassen auch nicht lange auf sich warten. Mit einer Verve, die ihresgleichen sucht, vermag Wilde das britische Publikum gleichermassen zu unterhalten und sich an ihm zu ergötzen. Versehen mit einer einwandfreien gesellschaftlichen Fassade ist er unantastbar. Erst der Besuch des hübschen Kanadiers Robert Ross (Michael Sheen) wird für den begnadeten Dichter zum Verhängnis. In seiner Offenheit entdeckt Wilde seine Präferenzen für Männer. Zuerst in platonischer Zuneigung, später in heftiger sexueller Leidenschaft führt er von nun an ein Doppelleben, das er in Familie und Muse unterteilt. Die Bekanntschaft mit dem Oxford-Studenten Lord Alfred Douglas (Jude Law) genannt «Bosie» bringt das instabile Gleichgewicht von gesellschaftlicher Perfektion und gut behüteter Frivolität gefährlich ins Wanken.



Zerfall

In seiner Naivität lässt sich Oscar auf diese Beziehung ein, die für ihn die Quelle seines künstlerischen Schaffens darstellt. Überhäuft mit Zuneigung lebt «Bosie» vom Reichtum seines Vaters, des Marquees von Queensberry (Tom Wilkinson), und der gelehrten Gesellschaft Oscars, wobei er beide lediglich für sein eigenes Lustprinzip benutzt. Die Kollision dieser zwei Autoritäten ist unvermeidbar. Und auch der Versuch «Bosies», seinen höchst konservativen Vater durch ein Tischgespräch mit Wilde zu versöhnen, scheitert. Obwohl eingenommen von Wildes Wesen, akzeptiert Queensberry die Freundschaft seines Sohnes zu dem Freigeist nicht. Seine Wut steigert sich, und ein Rachefeldzug gegen Wilde beginnt. Mit einer schriftlichen Beleidigung zwingt Queensberry den Künstler vor Gericht, wo sein Schattendasein aufgedeckt wird und alle Schmach, die das viktorianische Zeitalter zu bieten hatte, sich über Wilde entlädt.



Unsterblichkeit

«Der Name Wilde wird für alle Ewigkeit aus der englischen Gesellschaft verbannt sein», heisst es an einer Stelle im Film. Ein Statement, das heute Schmunzeln und die Gewissheit, dass nichts Gutes wirklich aussterben kann, auslöst. Wilde ist wie schon Gilberts vorheriger Film Tom & Viv eine dezente Abrechnung mit den eingeschnürten Konventionen des untergehenden Kolonialreichs England und ein Zeugnis an den literarischen Aufbruch, der sich in dieser Zeit vollzog. Humorvoll und von einer tiefen Tragik erfüllt, beschreibt Gilbert eine von Angst erfüllte Epoche, die sich mit Händen und Füssen an veraltete Ideale klammert und damit eine Person wie Wilde geradezu heraufbeschwört. Hätte es ihn nämlich nicht gegeben, müsste man ihn für Stephen Fry erfinden. Wie historisch akkurat seine Darstellung sein mag, darüber lässt sich streiten, unbestreitbar ist hingegen mit welchem Elan und Einfühlungsvermögen Fry den Mut und die Unschuld dieser Person widerspiegelt. Jeder Gesichtsausdruck ist ein Beweis seiner Würde und ein Eingeständnis an die Fehlbarkeit der menschlichen Natur, die wir nicht wählen können. Gleichzeitig gelingt es Gilbert, die maskuline Schönheit, von der Wilde so angezogen war, unaufdringlich einzuführen. Er begeht dann jedoch den Fehler, durch ein unnötiges Mass an homosexuellen Bettszenen diese Schönheit zu banalisieren. Man könnte meinen, dass so etwas nicht unbedingt ins Gewicht fallen könnte. Jedoch in einem Film, der mit soviel subtilen Seitenhieben arbeitet, wirken diese Momente störend. Gesamthaft bleibt Wilde eine rundum gelungene Biographie über einen Mann, dem seine Eigenheit zum Verhängnis wurde, und der Gesellschaft, die ihn bejubelte, nur um ihn anschliessend zu verbannen.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Wilde (1997)
Land:Grossbritannien
Bewertung:
 
Regie:Gilbert, Brian
Drehbuch:Ellmann, Richard
Mitchell, Julian
Produktion:O'Hagan, Nick
Samuelson, Marc
Samuelson, Peter
Ausf. Prod.:Graham, Alex
Howden, Alan
Raffin, Deborah
Viner, Michael
Yoshizaki, Michiyo
Kamera:Fuhrer, Martin
Schnitt:Bradsell, Michael
Ausstattung:Djurkovic, Maria
Kostüme:Ede, Nic
Besetzung:Ehle, Jennifer
Fry, Stephen
Jones, Gemma
Parfitt, Judy
Redgrave, Vanessa
Sheen, Michael
Wanamaker, Zoë
Wilkinson, Tom (I)
 
Länge:115 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby
Prod.-firma:British Broadcasting Corporation (BBC)
Capitol Films
Dove International
Greenlight Fund
NDF International
Wall-to-Wall Television
Pandora Films
Pony Canyon Inc
Samuelson Entertainment
CH Verleih: Filmcooperative Zürich


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