Winterschläfer (1997)

Träge wunderbaren Bilderbögen horchen


von Sandra Walser


Winterschläfer ein eher zwiespältiger und träger Film des deutschen Regisseurs Tom Tykwer («Lola rennt»)

Um die deutsche Filmindustrie stand es in den letzten vier Jahren düster. Zwar produzierte sie Film um Film, der Erfolg aber blieb meistens aus. Es fehlte den Produktionen an neuem Inhalt, denn was da alles über die Leinwände flimmerte, war im Grunde genommen stets ein- und derselbe Film. Auf den ersten Blick handelten sie zwar von so allerlei - von Superweibern, Killerkondomen, frechen Knastgören, überzeichneten Psychiatern, Putzfrauen und klischierten Schwulen. Doch immerzu kamen diese Filmfiguren und -topoi denen aus «Der bewegte Mann» von Sönke Wortmann (1994), dem letzten grossen Publikumshit des neuen deutschen Kinos, verdächtig ähnlich. Als Tom Tykwer im Oktober letzten Jahres seinen Film «Lola rennt» ins Kino brachte, war das wie ein kleines Wunder. Tatsächlich hatte - in dramaturgischer wie auch ästhetischer Hinsicht - ein neuer Wind zu wehen begonnen. Mit viel Witz und präzisem Timing verfilmte er eine halsbrecherische Geschichte: Lola (Franka Potente) muss in zwanzig Minuten 100'000 Mark auftreiben, sonst wird ihr Freund Manni (Moritz Bleibtreu) umgebracht. Und so macht sich Lola guten Willens auf und rennt und rennt. Dreimal zwanzig Minuten lang, immer etwas anders.


Schläfriges Portrait deutscher Mittdreissiger

Puls der Zeit

In seiner ganz eigenen visuellen Ästhetik vereinte Tykwer praktisch sämtliche Stilmittel - Zeitraffer, Überblendungen, vertrackte Schnittsequenzen etc. - und verstiess auch schon mal gegen filmtheoretische Regeln. Doch das störte niemanden, im Gegenteil: Der Regie-Autodidakt traf mit «Lola rennt» den Puls des MTV- und VIVA-Zeitalters. Mit knapp zwei Millionen ZuschauerInnen in nur zwei Wochen avancierte «Lola rennt» zum Kassenschlager und Kultfilm gleichermassen. Der deutsche Publikumsgeschmack deckte sich in seltener Einmütigkeit mit dem Kritikerurteil. Nun kommt ein neuer Tykwer ins Kino, der eigentlich so neu gar nicht ist. «Winterschläfer» wurde vor «Lola rennt» gedreht und lief bereits 1997 im Wettbewerbsprogramm von Locarno. Die beiden Filme sind sich jedoch sehr ähnlich: vor allem visuell natürlich, aber schliesslich spielt hier wie da die Zeit eine grosse Rolle, und die Filmfiguren sind in Systemen gefangen, aus denen sie nicht auszubrechen vermögen. Statt mit treibendem Beat ist «Winterschläfer» mit melancholischer Musik unterlegt. Der Film funktioniert denn auch als eigenwilliges, in sich gekehrtes und stilles Generationenportrait und geht der Lebensangst und der Suche nach einer befriedigenden Existenzform von vier deutschen Mitdreissigern nach.


Traute Dreisamkeit

Langatmig

Über Rebecca (Floriane Daniel), Marco (Heino Ferch), Laura (Marie-Lou Sellem) und René (Ulrich Matthes) scheinen hauchdünne Fäden eines unsichtbaren Netzes zu liegen, das sie mal auseinandertreibt, mal gefährlich nahe zusammenbringt. Es ist Winter, Schnee hat die Landschaft zugedeckt, doch die Stille trügt: Ein geklauter Sportwagen liegt irgendwo im tiefen Weiss versunken, ein krankes Pferd ist erschossen, ein Mädchen im Koma. Was ist passiert? In wunderbar bezaubernden Bilderbögen, die mit der Musik verschmelzen und langsam Eins werden, geht Tykwer dieser Frage nach. Doch so ausgeklügelt die gewählte Ästhetik und die dazugehörige Tonspur auch sein mögen, sie lassen das Drehbuch und das Schauspiel in umso zwiespältigerem Licht erscheinen. «Winterschläfer» will in kein Genre so recht passen. Im Film wird zwar gestohlen, doch er ist kein Krimi. Ein Paar findet sich, ein anderes verliert sich, doch es kein Melodrama. Zwei Menschen sterben, getötet von anderen, irgendwie. Und doch nennt die Geschichte die Mörder nicht beim Namen. Genau in dieser ständigen Unklarheit liegt denn auch der Hund begraben: Die Schauspielerinnen und Schauspieler scheinen sich bisweilen unter und mit sich zu verfangen. Und wir? Wir versuchen zwar, uns auf die verschiedenen Tempi des Filmes einzulassen, verfallen dabei aber bald in einen Zustand der Apathie, in eine totale Teilnahmslosigkeit, in einen Winterschlaf eben. Und das kann ja wohl mit dem Filmtitel nicht gemeint gewesen sein.


Der Skilehrer, der Bauer und der böse Wolf


Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Winterschläfer (1997)
Land:Deutschland
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Tom Tykwer
Drehbuch:Anne-Françoise Pyszora

Tom Tykwer
Produktion:Stefan Arndt
Ausf. Prod.:Maria Köpf
Kamera:Frank Griebe
Schnitt:Katja Dringenberg
Musik:Reinhold Heil

Johnny Klimek

Tom Tykwer
Ausstattung:Uli Hanisch
Kostüme:Aphrodite Kondos
Besetzung:Josef Bierbichler
Floriane Daniel
Heino Ferch
Ulrich Matthes
Marie-Lou Sellem
Laura Maori Tonke
Sophia Dirscherl
Sebastian Schipper
Werner Schnitzer
Agathe Taffertshofer
 
Länge:122 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby
Prod.-firma:X-Filme Creative Pool

Westdeutscher Rundfunk (WDR)

Arte

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Palladio Film
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