Zugvögel... einmal nach Inari (1998)

Wenn das deutsche Kino aus seinem ziemlich tristen mediokren Tal herauskommt, ist die Stimmung enthusiastisch und enttäuscht zugleich. Es vergehen zwischen diesen jeweiligen Glanzmomenten oft mehrere Jahre, nur um für einen Augenblick zu leuchten und dann wieder zu verschwinden. Peter Lichtenfelds «Zugvšgel» ist seit «Das Leben ist eine Baustelle» ein wirklich deutscher Film, obwohl die Geschichte irgendwo auf der Erdespielen könnte.


von Serge Zehnder


Verfolgt wird der Kurs des Bierfahrer Hannes (Joachim Król wieder in Hochform), dessen etwas simples alleinstehendes Leben durch seine inbrünstige Faszination für Fahrpläne in Schwung gehalten wird. Der unauffällige Zeitgenosse hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, die Weltmeisterschaft der Fahrplanexperten zu gewinnen. Ein schrulliger Wettbewerb, der am nördlichsten Punkt Europas im finnischen Inari ausgetragen wird. Um jedoch dort teilnehmen zu können, benötigt Hannes einen Sonderurlaub, den sein Personalabbau-geiler Boss gleich in eine fristlose Entlassung umsetzt. So etwas lässt den sensibelsten Menschen zum Berserker werden und Hannes streckt seinen Ex-Chef mit einer geraden Rechten nieder. Kurz darauf wird Hannes' Chef tot aufgefunden und Hannes selbst als Hauptverdächtiger zur Fahndung ausgeschrieben. Unwissend, dass er wegen Mordverdachts die Polizei auf den Hacken hat, verfolgt er zielstrebig seine Routen, die er minuziös herausgesucht hat. Dann geschieht jedoch etwas, das jenseits jeglicher Planung liegt: Hannes beginntsich für die attraktive Finnin Sirpa (Outi Mäenpää) zu interessieren. Für den Mann, der an Plänen seine Freude hat, hält das Schicksal einen extrem ungeplanten Schlag bereit.


Hannes (Król) in der Vorbereitungsphase.

KAURISMÄKIS DEUTSCHER BRUDER

Die Bilder, die Stimmungen, die Schauspieler, überhaupt der gesamte Ton von «Zugvögel...Einmal nach Inari» hat seine Wurzeln in den Filmen von Aki Kaurismäki («Juha»). Still ohne allzu dialoglastig zu werden, beschränkt sich Regie-Debütant Lichtenfeld auf das Wesentliche in seiner Geschichte: ist man schneller oder besser, lässt man sich von der Zeit einholen oder versucht, sie sich zu Nutze zu machen. In einem sich immer schneller drehenden Zeitalter setzt «Zugvögel» einen klaren Gegenpunkt zum sonst bekannten Temporausch. Getragen von einem Ensemble von frischen Gesichtern, die man nicht nur aus Kaurismäki-Filmen kennt, sondern deren Können in deutschen Filmen nie zur Geltung kam. Lohmeyer, der in «Kondom des Grauens» mitchargierte, ist hier als ermittelnder Inspektor schlichtweg umwerfend.
Fjorde, Felder und magische Bilder sorgen dafür, dass man nicht das Gefühl bekommt, man betrachte einen Urlaubsbericht. All dies kreist um Król's phantastische Leistung. Sein unschuldiges Gesicht, seine überlegte Art, jeder Charakterzug wurde sorgfältig ausgearbeitet um Hannes dem Zuschauer von der ersten Minute an sympathisch erscheinen zu lassen. Garniert mit etwas trockenem Humor behält einen Lichtenfeld bis zum Schluss im Griff. 90 Minuten und das ohne Langeweile, oder Verspätung.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Zugvögel... einmal nach Inari (1998)
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Peter Lichtefeld
Drehbuch:Peter Lichtefeld
Produktion:Claes Olsson
Jörn Rettig
Ira von Gienanth
Kamera:Frank Griebe
Schnitt:Bernd Euscher
Musik:Christian Steyer
Ausstattung:Anke Osterloh
Besetzung:Péter Franke
Joachim Król
Peter Lohmeyer
Oliver Marlo
Outi Mäenpää
Jochen Nickel
Kati Outinen
Nina Petri
Hilmi Sözer
Kari Väänänen
 
Länge:87 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby
Prod.-firma:Westdeutscher Rundfunk (WDR)
Kinoproduction
Bosko Biati Film
Prokino Filmproduktion
CH Verleih: Look Now!


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