The Bridges of Madison County

Regie:          Clint Eastwood
Drehbuch:       Richard LaGravense (nach einem Roman von Robert James Waller)
Produktion:     Clint Eastwood und Kathleen Kennedy
Kamera:         Jack N. Green
Schnitt:        Joel Cox
Musik:          Lennie Niehaus
Verleih:        Warner Bros.
Kinostart:      20. September 1995
In Zeiten, in denen Amerikas Filme in Sachen Kosten und Action in einen Strudel geraten sind, der nach immer mehr verlangt und den Kritiker als den Untergang einer Filmnation werten, kommen einem Filme aus dieser Nation, von denen nicht über deren materielle Ausmasse gesprochen wird, schon wieder verdächtig vor. Es kann sich nur um Kitsch handeln. Action und Kitsch, Demolition Man und Forrest Gump, das zieht die Leute ins Kino. Ehrliche Filme, wer dreht schon ehrliche Filme, in denen Menschen (meistens geistesgestörte Racheengel) nicht von einem Psychiater mit 3 Sätzen erklärt werden. Wer dreht solche Filme in Amerika? Ein Bürgermeister einer kalifornischen Kleinstadt?

"The Bridges of Madison County" ist ein kleines Juwel. Nicht nur wegen der Qualität des Schauspiels. Meryl Streep spielt die Italienerin Francesca Johnson. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann Richard (Jim Haynie), den sie als GI in Italien kennengelernt hatte, auf einer Farm in Iowa. Als Richard mit Sohn Michael (Victor Slezac) und Tochter Carolyn (Annie Corley) für vier Tage zur State Fair fahren, bleibt sie alleine zurück. Alleine ist sie aber schon lange. "Ich wollte nur nach Amerika. Ich wusste nicht wie das ist, in Iowa", sagt sie einmal. Dann trifft sie den Photografen Robert Kincade (Clint Eastwood), der für National Geographic die überdachten Brücken von Madison County photographieren soll. Es beginnt eine Romanze. Doch das ist lange her, Amerika im Jahre 1965. Nachzulesen in den Tagebüchern von Francesca, welche Michael und Carolyn nach deren Tod als Hinterlassenschaft vorfinden. Amerika im Jahre 1995. Michael ist erschüttert. Wieso hat sich seine Mutter mehr erlaubt, als er sich jemals erlaubt hat?

Clint Eastwoods Filme werden immer reifer. Jetzt wagte auch er in eine sogenannte romantische Rolle zu schlüpfen. Wie sich Kincade und Francesca allmählich näherkommen ist sehr subtil gezeichnet. Er lässt seinen Figuren sehr viel Raum für Geschichten, aber auch für Stille. Nachher frägt man sich, wie man Eastwood all die Jahre bloss für einen Macho halten konnte. Als Regisseur inszenierte er in letzter Zeit Unforgiven (1992), einen hervorragenden Neowestern, der auch als bester Film mit dem Oscar prämiert wurde, und Perfect World (1993), ein wirklich sehenswerter, atmosphärischer Kidnapping-Film. Beide Filme wie auch der neue Streifen spielen in der Vergangenheit. Der Western irgendwann im 19Jh. Die weiteren im Amerika der sechziger Jahre. Nicht aber wird nostalgisch verklärend Wirklichkeit verdreht, sondern mit menschlichem Ansatz ein Blick auf Aussenseiter geworfen und ein anderes, unbekannteres Bild einer Zeit präsentiert. "Ehret die Huren, die sind wenigstens ehrlich." heisst sinngemäss die Botschaft in Unforgiven. Allgemein erscheint mir, als ob sich immer wieder sehr liberale Gedanken in seinen Filmen wiederfinden. Gerade heute sind diese Tendenzen unbedingt notwendig. Denn zwischen der amerikanischen Wirklichkeit und dem wirklichen Amerika klafft eine Lücke, wie sie grösser nicht sein könnte.

Clint Eastwood ist es gelungen, eine einfache Geschichte einfach zu verfilmen. Ohne erhobenen Zeigefinger beschreibt er allzu menschliches ohne die berühmte Schuldfrage nur zu bemühen. Bewusst zeigt er, dass ein menschliches Wesen und seine Handlungen komplizierter sind, als manche Fernsehprediger in stundenlangem Palaver ausführen. Sollte sich das amerikanische Volk zum zweiten Mal für einen Schauspieler entscheiden, kann man nur hoffen, dass Eastwood nicht nur Bürgermeister bleibt.

Martin Ritter

Copyright 1995 Martin Ritter
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